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Lebensgeschichten
Schreiben
Sie uns: kontakt@forumkriegsenkel.com
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Horror vacui „Ich
zog für das Studium in eine kleine Substandardwohnung
(WC am Gang, Dusche in der Küche - ähnlich wie die
Wohnung meiner Urgroßmutter, zu der meine damals gerade
verwitwete Großmutter mit ihren drei verbliebenen Kindern
gezogen war) und wohnte dort 18 (!) Jahre (die meiste Zeit
davon mit meinen damaligen Lebenspartnern), auch als
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Der lange Weg der Erkenntnis „Dies
ist eine längere Geschichte, unbewusst begann sie bereits
vor Jahren, seit Ende 2005 wurde sie jedoch zur Belastung.
Ab dieser Zeit hatte ich regelmäßig mit Schwindel
zu tun, der mich teils tagelang und phasenweise auch wochenlang
lahm legte. Die Ursachenerforschung des Schwindels setzte
bei mir eine Odyssee von Arztbesuchen in Gang: Orthopäden,
HNO, Neurologen, einschließlich Kernsprinthomografie,
eine Gleichgewichtsanalyse sowie eine statische Vermessung
der Wirbelsäule und zuletzt noch eine Aufbissschiene.
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„Man hat noch nicht über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachgedacht. Aber wer sie zu beschreiben versuchte, der müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihrer überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? (…) Das Gefühl für die Heimat stand, jedenfalls in den Dichtungen der Menschheit, immer neben der Erinnerung an Flucht und Entwurzelung. Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?“ Gustav Seibt: „Jenseits des Aufrechnens. Die Deutschen, der Luftkrieg und die Vertreibung“, Süddeutsche Zeitung 2007; Zitat in: Andreas Krosssert: „Kalte Heimat“, S. 14
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Birgit Weidt im Gespräch mit Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“, Klett-Cotta, 2009 Inwiefern übertrug sich die nicht aufgearbeitete Vergangenheit der Eltern auf die Kinder? Bode: Das lief nicht bewusst ab und deshalb muss deutlich werden, dass es bei diesem Thema auch nicht um Schuld oder um Beschuldigung geht. Die von mir befragten Kriegsenkel leiden durchweg an einem Mangel an Emotionalität von Seiten der Mutter und/oder des Vaters. Der Satz, den ich immer wieder hörte, lautete: Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.’ Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben es selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Aber man muss sich klar machen: Den meisten Eltern war überhaupt nicht bewusst, dass sie diese Nachwirkungen des Krieges in sich trugen. Das Besondere bei den Kriegskindern ist ja: Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte in der Mehrzahl eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Denn es fehlte ihnen der emotionale Zugang zu diesen Erfahrungen und damit auch der Zugang zu den wichtigsten Prägungen. Dennoch wurden sie davon gesteuert. Was wäre Ihre Botschaft an die Kriegsenkel? Bode: Es müsste das Ziel sein, die eigenen Eltern besser zu verstehen und sich gleichzeitig auch endlich von ihnen abgrenzen zu können. Im Prinzip geht es darum, zwischen unguter Fürsorge und angemessener Unterstützung zu unterschieden. Die Kriegsenkel sollten sich nicht länger darum bemühen, ihre Eltern emotional zu erreichen, sondern die Beziehung so zu akzeptieren wie sie ist. Ich glaube nicht, dass solche Eltern sich nach mehr Nähe sehnen. Stattdessen ist es für die Kriegsenkel Zeit, sich selbst wesentliche Fragen zu stellen: Will ich beruflich noch einmal Gas geben? Will ich noch eine Familie gründen? Das setzt voraus, dass man sich gedanklich von den Eltern lösen kann, dass es nicht länger solch einen Unruhefaktor im Leben gibt, unter dem Motto: Ich muss die Mutter wieder anrufen, oder hoffentlich war der Vater beim Arzt, er sorgt so schlecht für sich. Es ist wichtig, sich so etwas bewusst zu machen. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas automatisch tut, weil es eben immer schon so war, oder ob man sich altersgerecht abgrenzt, indem man bei sich wahrnimmt: Es ist eine Belastung, wenn man die Eltern beeltern muss. Es geht auch darum herauszufinden: Kann ich eigentlich selbst gut für mich sorgen? Oder komme ich zu kurz, weil diese Dinge mir die Kraft absaugen, die ich eigentlich brauche, um in meinem eigenen Leben anzukommen und es zu gestalten. In
Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kriegsenkel von einem sekundären Bode: Ein Teil der Fachwelt spricht von einem, sekundären Trauma’, der andere Teil meidet in diesem Zusammenhang den Begriff Trauma und spricht von Menschen mit Bindungsstörungen, oder abgeschwächt von solchen, die unsicher gebunden sind. Eine Auffälligkeit in dieser Generation sind also gewisse Bindungsprobleme. Viele Kriegsenkel sagen: ‚Ich habe keinen Boden unter den Füßen, und ich kann es nicht aushalten, wenn mir ein anderer Mensch zu nahe kommt.’ Unsicher gebunden zu sein heißt, wenig Halt zu haben und übermäßig misstrauisch zu sein. Das belastet enge Beziehungen, denn die Fähigkeit zu vertrauen ist ja eine zentrale Voraussetzung für eine gute Beziehung. Viele Kriegsenkel leben also die unverarbeiteten Ängste der Eltern in verdünnter Konsistenz weiter. Stellen Sie sich eine Frau vor, die als Dreijährige monatelang mit Mutter und Großmutter auf der Flucht war. Natürlich kann sie sich als Erwachsene kaum daran erinnern. Sie sah sich nicht als Kriegskind, sondern als Nachkriegskind. In den Biografien meines Buchs taucht zu 80 Prozent im persönlichen Hintergrund Flucht und Vertreibung auf. Den Kindern der Flucht wurde nach gesagt: Vergiss alles und schau nach vorn. Also wurde verdrängt, so gut es ging. 14 Millionen Menschen verloren nach dem Krieg ihre Heimat. Sie versuchten sich mit dem Gedanken zu trösten: Wenn es materiell aufwärts geht, wenn die Kinder gute Schulnoten heimbringen, dann ist das Schlimmste überstanden. Doch bei den meisten Menschen, die als Erwachsene vertrieben wurden, blieb lebenslang ein Schmerz. Sie empfanden die neue Umgebung als Exil. Auch das mussten deren Kinder, die Kriegskinder, verkraften.
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„Ich
bin sicher, dass es für „Kriegsenkel“, die
gewissermaßen mit einem unausgesprochenen Aufklärungsauftrag
herumlaufen, nicht eben einfach ist, sich auf das eigene Leben
zu konzentrieren. Mangelnder elterlicher emotionaler Begleitschutz
– verstanden als eine Folge solcher unverarbeiteter
Kriegstraumata - wirkt sich ja in vielen Lebensbereichen aus,
macht Identifikation mit den eigenen Handlungen schwierig,
da man mehr reagiert statt selbstbewusst aus sich heraus agiert,
und beeinträchtigt auch Zielfindungen. Ich würde
sprechen von generationsweise fortgesetzten Überantwortungen.“
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„Kinder merken enorm viel. Aber wenn dieses Wissen im Untergrund bleiben muss..., dann bewegt sich dieser Mensch auf den dunklen Schienen eines unerkannten Wiederholungszwangs durch sein Leben“. Jürgen Müller-Hohagen: „Geschichte in uns“, S. 21
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„Meine
Wohnung ist mir heilig. Sie ist ein Ort der Zuflucht, der
Ruhe und Geborgenheit. Wenn ich am Fenster meines Zimmers
stehe, schaue ich nach Osten in einen Garten mit Blumen und
Efeu an der Wand. Dort tummeln sich Vögel, mit denen
ich oft stumme Dialoge führe. Gehe ich durch mein Zimmer
und meine kleine Diele in die Küche hinüber, dann
schaue ich in einen typischen Berliner Hinterhof nach Westen.
„In
der Forschung ist längst bekannt, dass traumatische oder
belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden,
an die nächste Generation übertragen werden können
– man nennt diesen Prozess "transgenerationale
Weitergabe".
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„Eine
Zeit der gemeinsamen Trauer hat bei uns in der Familie nie
stattgefunden.“
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„Die
Art meines Zugangs über psychologische Beratung und Therapie
erlaubt mir einerseits tiefe Einblicke in Familien ehemaliger
Täter oder NS-identifizierter Mitläufer, andererseits
haben diese Einblicke auch ihre Grenzen: Stets bedacht sein
wollen die geringe Zahl und die jeweils subjektive und nicht
konfliktfreie Sicht der Informanten. Diese sind an dieser
Stelle geradezu regelhaft die Ausgeschlossenen, die Randfiguren
ihrer Familiensysteme. Als außerordentlich typisch habe
ich über die Jahre hinweg eine Aufspaltung, eine Polarisierung
in diesen Familien erfahren, wonach etwa bei vier Kindern
drei ganz auf Seiten der Eltern stehen, das vierte dagegen
völliger Außenseiter ist, dies meist von früher
Kindheit an. Gegen sie hat sich Gewalt von beiden Elternteilen
gerichtet in Form von Vernachlässigung, Misshandlungen,
sexuellem Missbrauch, Missachtung, massiven Abwertungen bis
hin dazu, sie als verrückt zu erklären. Dies geschieht
regelhaft, wenn und weil sie das eherne Schweigegebot in den
Familien zu verletzen drohen. Genau das aber ist ihnen eine
existenzielle Notwendigkeit, haben sie doch schon als kleine
Kinder etwas von der verschwiegenen und verleugneten Gewaltrealität
hinter der biederen Fassade gespürt, sind dringend darauf
angewiesen, dass diese Wahrnehmungen und Ahnungen mit ihnen
geteilt werden, sehen sich ansonsten tatsächlich der
Verrücktheit preisgegeben und sind nicht selten als psychiatrisch
krank erklärt und in Nervenkliniken eingeliefert worden.
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„Manchmal
ist die deutsche Sprache faszinierend: In ihrer Klarheit und
in ihrer deutlichen Bildsprache ließ sie mich schon
manche Erkenntnisse haben – manchmal sollte man sie
aber auch korrigieren. So zum Beispiel dies: Ich habe manchmal
das Gefühl, ich bin gestört, weil ich so viele Macken
und Ticks habe und manchmal nicht weiß, was das alles
soll, warum ich die habe. Seit längerer Zeit beschäftige
ich mich dem 2. Weltkrieg, schließlich mit meinen Eltern,
die als Kinder unzählige Bombennächte miterlebt
haben, nächtelang Todesängste durchlebten - und
dann nach dem Krieg taten, als ob alles vergessen werden kann,
was erlebt wurde. Ich, 1962 in einer süddeutschen Kleinstadt
geboren und aufgewachsen, habe dieses Muster komplett übernommen:
Über diese Themen geschwiegen, sie als unwichtig, nichtig
abgetan, wer sich damit beschäftigt, habe ich immer gedacht,
der hat doch ein Problem, der ist depressiv oder ein „Gut-Mensch“
– lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen! So, wie
meine Eltern es taten: Nach Außen soll alles Top aussehen,
Hauptsache, die Fassade stimmt. Und was dahinter passiert,
das ist Privatsache, das sind private Probleme. Meine Fassade
bröckelte dann, eben weil ich merkte, wie gestört
ich in manchen Dingen bin: Beziehungsunfähig, Eigenbrödler,
der keine Nähe zulassen kann, depressive Rückzugstendenzen,
Schreckhaftigkeit oder in der Nacht aufwachen und Angst bekommen,
aber nicht zu wissen, wovor. Doch auch ich habe das alles
immer runtergespielt, das ist doch nichts, ich darf doch nicht
klagen, ich habe doch noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt.
Und es spuken die Sprüche durch den Kopf wie: „Was
mich nicht umbringt, macht mich stark!“ Aber jetzt denke
ich: Die Fassade hat bei meinen Eltern zwar perfekt funktioniert
(Arbeit, Haus, Garten, gepflegte Kleidung) aber dahinter,
in der Psyche, sah es dunkel und leer aus. Und dadurch bin
nämlich nicht ich gestört, sondern ich wurde gestört,
und zwar in meiner psychischen Entwicklung. Dadurch, dass
ich zwar körperlich gut versorgt wurde, aber psychisch
vernachlässigt, wurde ich gestört und konnte viele
Dinge, so zum Beispiel Vertrauen in mein Handeln, Selbstgefühl
oder auch Vertrauen in meine Umgebung und in andere Menschen,
nicht entwickeln. Anders nämlich als "Ich bin gestört",
was ja immer heisst, ich bin gestört im Inneren, ich
bin es aus mir selbst heraus, heisst: "Ich bin gestört
worden", dass nicht ich die Ursache der Gestörtheit
bin, sondern sie von außen kommt und die ich angenommen
habe/nicht anders konnte als sie annehmen. So verortet bekommt
dieser Begriff endlich seine richtige Bestimmung.“
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