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Lebensgeschichten
Schreiben
Sie uns: kontakt@forumkriegsenkel.com ***
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Die Familie meiner Mutter hat zweimal „bei Null wieder angefangen“. Nach der Flucht im Januar 1945 aus Ostpreußen nach Sachsen, und als sie 11 Jahre später "nach dem Westen" gingen, lebten sie viele Jahre unter sehr einfachen Bedingungen, froh überhaupt eine Bleibe zu haben. Erst 1962 nach vielen Wohnungs- und Wohnortswechseln hatten sie wieder die erste „schöne“ Wohnung, wie meine Oma in ihren Memoiren schrieb. Ich selbst bringe es inzwischen auf über 20 verschiedene Wohnsitze, wenn ich kürzere Aufenthalte wie Zwischenmieten und Unterbringungen während Praktika mitzähle. Meine Bleiben waren meist sehr bescheiden, ich fand es gut, mit wenig auskommen zu können. Zeitweise wohnte ich zusammen mit hässlichen muffigen fremden Möbeln, Kakerlaken und Schimmel. Mit Mitte 20 kam ich auf den „Selbstversorgertrip“. Ich wollte unbedingt wissen, wie autonom man im modernen Deutschland leben könnte. Unter anderem lebte ich eine Zeit lang auf einem Biohof in Alleinlage ohne Strom, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo, in einem Bauwagen mit Holzheizung und schlechter Isolierung. Erst mit 31 Jahren hatte ich meine erste richtige eigene Wohnung – wenn auch mit recht veraltetem Wohnstandard. Mehrmals habe ich Wohnort und Arbeit gewechselt, habe woanders „bei Null wieder angefangen“. Habe mich weder an Menschen, noch an eine Region dauerhaft gebunden. Seit ich 26 bin, lebe ich ganz bewusst auf dem Lande, da ich es dort als sicherer empfinde als in der Stadt. Im Hinterkopf ist der Gedanke „Wenn wieder schlechte Zeiten kommen, ist man hier besser aufgehoben. Man wird wahrscheinlich zu essen haben, und Kampfhandlungen konzentrieren sich eher auf Städte.“ Zudem arbeite ich seit vielen Jahren in landwirtschaftlichen Bereichen – denn Nahrung brauchen die Menschen immer, eine krisenfeste Branche sozusagen. Im Zweifelsfall ist ein Kilo Kartoffeln mehr wert als ein goldener Ring. Ich werde zu essen haben, und das beruhigt mich. Wenn
ich so zurückblicke, denke ich, was mich immer weiter
getrieben hat, war die Suche nach „meinem Platz“
im Leben, einem sicheren Platz vor allem. Schon als Kind hatte
ich das Gefühl, nicht am rechten Platz zu sein. Das hatte
wohl auch sehr mit meinem Elternhaus zu tun. Meine Eltern
lebten miteinander im Kriegszustand. Ich litt unter einem
Mangel an Sicherheit und Geborgenheit. Aber jetzt denke ich,
dass auch die Familiengeschichte Teil der Ursache war. Vor
vier Jahren erlitt ich einen Burnout. Nachdem ich bereits
drei Jahre nur noch mit Mühe einigermaßen funktioniert
hatte, war es eines Tages so weit, ich war total am Ende und
brach zusammen. Von einem Tag auf den anderen war ich eines
beträchtlichen Teils meiner Fähigkeiten beraubt.
Ich musste Freundinnen und Familie um Hilfe bitten. Selbst
mir einen Tee zu bereiten oder ein Telefonat zu führen,
gelang mir in manchen Augenblicken nicht mehr. Schnell war
mir jedoch klar, dass meine momentane Arbeitsbelastung lediglich
das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, die tatsächliche
Ursache jedoch in der Summe der Belastung in meinem gesamten
Leben, seit meiner Kindheit zu suchen war. Leichter war es
demnach, Stress zu reduzieren, der in aktuellen äußeren
Faktoren begründet lag. Aber wie reduziert man Belastungen,
die in einem sind, die aus dem Inneren, aus mir selbst kommen?
Diesem inneren Stress auf die Schliche zu kommen hat mich
gezwungenermaßen in den letzten vier Jahren stark beschäftigt.
Stück für Stück wurde ich fündig, was
genau in meinem Leben zu diesem Zusammenbruch geführt
hatte. Doch für einen Großteil meiner Ängste,
die mich innerlich stressten und mir die Lebenskraft raubten,
fand ich keine Erklärung in meiner eigenen Biografie.
Heute weiß ich, dass die transgenerational weitergegebenen
Lebensängste meiner Mutter und Großmutter einen
Großteil davon ausmachen. Beide kenne ich hauptsächlich
im Zustand von Stress, Aufregung und Angst. Kein Wunder, dass
ich das verinnerlicht habe, wo es mir doch ständig vorgelebt
wurde. Die Bücher über Kriegsenkel nahm ich übrigens jetzt zum Anlass einmal nachzurechnen, wie alt genau meine Oma zum Zeitpunkt der Flucht war: genau 38 Jahre und 8 Monate. Als ich meinen Burnout hatte, war ich 38 Jahre und 9 Monate alt. Damals schrieb ich so eine Art Gedicht, um auszudrücken, wie sich dieser Zusammenbruch für mich anfühlt. Es lautete: ich
bin außer mir Nun fiel mir dieser Text wieder ein. Ich las ihn nochmal durch, um dann erstaunt zu bemerken, dass dies eigentlich ein Text über den Krieg ist. Gegen das, was meine Mutter und Großeltern durchgemacht haben, ist so ein Burnout wohl lediglich ein kleiner Schnupfen, trotzdem will ich hier einige Parallelen ziehen. Beides stellt einen äußerst starken Bruch im Leben dar, nach dem nichts mehr so ist wie vorher. Ich habe durch diese Erkrankung einen deutlichen sozialen Abstieg erlebt. Teile meines sozialen Umfelds fielen weg. Einige meiner früheren Fähigkeiten und daher auch Möglichkeiten sind – vorerst – nicht mehr vorhanden. Ich musste für vieles neue Wege finden. Mich zurechtfinden in einer veränderten Welt. Darüber weinen nützt nicht viel. Man muss nach vorne schauen und das Beste daraus machen. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Überhaupt ist mir jetzt klar, welche Kraft auch in meiner Familiengeschichte liegt. Meine Familie hat in ihrem Leben viele Ängste ausgestanden, vielen Gefahren getrotzt. Sie hat immer wieder richtig gehandelt, den richtigen Riecher gehabt und das Leben in die eigene Hand genommen. So ist ihre Geschichte nicht zuletzt auch eine Erfolgsgeschichte. Mich damit auseinanderzusetzen hat mich ein Stück weit näher zu mir selbst gebracht, und das fühlt sich gut an. Vielleicht liegt die Heimat, die ich so verzweifelt suche, letztendlich doch ganz nahe - nämlich in mir. So
wie mir die Berichte anderer Betroffener geholfen haben, hoffe
ich, dass der Eine oder Andere durch meine Geschichte eine
Bereicherung erfährt.
***
Ein
Gespräch mit Anna. Heimatlosigkeit in der zweiten Generation
Ja natürlich, ich kann etwas über den Inhalt des Buches sagen, sachlich ist das ganz einfach. Anna richtet sich auf, konzentriert sich, und spricht gefasst: Das Buch handelt über eine Generation in Deutschland, die zwischen 1960 und 1970 geboren wurde und deren Eltern im Zweiten Weltkrieg Kinder waren. Die Elterngeneration nennt die Autorin „Kriegskinder“ und die Kindergeneration, über die das Buch handelt, „Kriegsenkel“. Übertragen lassen sich die dargestellten Phänomene auf jedes Land und jede Zeit – Grundlage ist die Konstellation. Erst in den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass es nicht nur nicht aufgearbeitete traumatische Erlebnisse von Kriegsteilnehmern in jeder Altersklasse gibt, sondern, dass diese oft verschwiegenen, vergessenen, banalisierten Kriegs-, Flüchtlings- und Angst-Erlebnisse gerade von Kindern, eine unbewusste Auswirkung auch auf die folgenden Generationen haben. In Fachkreisen… Ich unterbreche Anna und erinnere sie daran, dass ich gerne auf sie zurückkommen würde, wissen möchte, wie es ihr dabei geht. Anna schluckt. Das sichere Terrain, auf das sie durch die Inhaltsangabe gelangt war, soll sie also wieder verlassen… Ihr Blick verschwindet im Nichts. Sie schaut mich mit einem fremden Blick an und erläutert leise. Meine Eltern wurden beide im Krieg geboren. Sie sind beide, als sie noch sehr klein waren, vertrieben worden, aus verschiedenen Richtungen. Sie mussten flüchten und ihr Zuhause, ihre Heimat zurücklassen. Beide Väter waren im Krieg, die Mütter haben sich jeweils in die Flüchtlingsströme eingereiht und um ihr Überleben gekämpft – was sie auch irgendwie bis in den Westen Deutschlands geschafft haben. Was sich dabei aber alles zugetragen hat, was meine Großmütter erlebt haben, das weiß ich kaum – außer ein paar vagen Andeutungen. Ihre Männer jedenfalls starben innerhalb der ersten zehn Nachkriegsjahre. Meine Eltern lernten sich zu Beginn der 60er Jahre im Studium kennen. Scheinbar unbeschadet. Und sie wollten alles anders machen. Anna windet sich, sie ist deutlich verunsichert. (Was irritiert sie so?) Sie schaut an mir vorbei und flüstert. Ich bin in Friedenszeiten aufgewachsen. Ja, ich hatte alles, was ich brauchte. Bildung, ein Zuhause, Reisen, Kultur… Man strebte der Zukunft entgegen. Es steht mir nicht zu, zu klagen – das wäre unfair – ich hatte es doch gut. Trotzdem ist da ein Erbe zu verwalten, dem ich jetzt näher komme. Wenn ich meine Eltern nach ihrer Kindheit fragte, dann kamen immer souveräne Antworten: dass sich ihre Erlebnisse nicht mit meiner Kindheit vergleichen ließen… dass es ein Abenteuer gewesen sei… dass es eben so war, wie es war… dass man nach vorne schauen wolle und ja jetzt alles anders sei… und nichts weiter. Bei diesen Worten schwang immer eine gewisse Härte mit, eine Distanz und gleichzeitig eine sanfte und weite Verlorenheit. Ich verstehe: Vergangenheit und Zukunft sollten deutlich voneinander getrennt werden. Sie sollten nicht auseinander hervor gehen. Und die Gegenwart präsentierte sich als Insel, die von einem unbekannten Meer umschlossen wurde. Anna fährt fort: Wenn ich auf mich schaue, darauf, dass „ich“ mich immer als Fremde fühle - egal wo ich bin! - obgleich ich gut sozialisiert und ausgebildet wurde – also nicht unter Minderwertigkeit leide – werde ich ganz schwach. Mein Selbstbewusstsein ist von meiner Grundstruktur her gut ausgebildet und kaum jemand kann nachvollziehen, dass ich mich oft so unbeholfen fühle. Immer das Gefühl habe, dass ich durchhalten müsse. Dass die Welt nicht auf festen Füssen stehe, sondern tagtäglich umfallen könne… Dass es „vorübergehende Lösungen“ seien, in denen wir uns bewegen, dass es keine Beständigkeit, keine Sicherheit, kein Zuhause gibt. Sondern, dass das Leben ein Überlebenskampf ohne Festpunkt ist. Ich
schaue Anna mit neuen Augen an, diese kleine Frau hat doch
schon so viel in ihrem Leben geschafft – und sie ringt
mit solch einer Lebensunsicherheit… Das hätte ich
nie gedacht. Und, dass ihr Grundlebensgefühl durch ein
unbewusstes Kriegstrauma ihrer Eltern, die in diesem Sinne
nie eine Kindheit hatten und in eine durchgeschüttelte
Welt mit Gefahren und Unsicherheiten geboren wurden, gespeist
wird, akzeptiere ich als Möglichkeit sofort.“ ***
Mein Leid „Ich
gratuliere zu diesem Forum, weil ich endlich merke, dass ich
nicht allein bin mit diesem unsäglichen Leid. Ich bin
1975 geboren und an einer Depression erkrankt. Ich breche
in Tränen aus, wenn ich nur ein paar Bilder aus dem Krieg
sehe, ein paar Sätze darüber höre. Und erst
seit zwei Jahren ist mir bewusst, was passiert war. Ein Großvater,
der seine Kriegstraumata über Jahre einem kleinen Kind
auf die blanke Seele schrieb, seine Todesängste, seine
Heldenphantasien, sein Durst, im Nachhinein eine Sinngebung
zu bekommen, für das unermessliche Leid, das er erlitten
und erzeugt hat. Die Großmutter saß daneben und
hat mitgemacht, hat sich ebenfalls die Bestätigung geholt
für den Sinn dieser Zeit. Von einem 6,7,8,9,10-jährigen.
Und sie hatten wohl das Gefühl, dass ihnen das zustand.
Und ich weiss jetzt: Das war seelischer Kindsmissbrauch. ***
„...
in den Kindern wird die Wahrheit, die man nicht aussprechen
mag, sichtbar. Dass die Eltern gelitten haben, ist allein
noch nichts, was in Abkapselung, Abwehr, Anklage und in die
Not führt, die eigene Identität zu finden. Erst
das Scheitern und die Schuld, die im Opferschicksal der Eltern
liegen können, lasten auf den Kindern derart, dass sie
sich lossagen müssen, lossagen wie auch die Kinder der
Täter und sonst Beteiligten. ***
Schönen guten Tag Zusammen „schon früh hat mich immer wieder das diffuse, ungute Gefühl beschlichen, dass das Thema „Kriegsenkel zu sein“ die Ursache für den schmerzhaften, anstrengenden, holperigen und traurigen Lebensweg sein könnte. Nachdem ich in diesem Forum gelesen habe, sitze ich an meinem Tisch und bin fassungslos, wie wahr dieses Gefühl ist/war.... und auch eine gewisse Erleichterung, eben nicht „meschugge“ zu sein, dass es tausenden Menschen genau so geht! Nicht schön, im Gegenteil, aber doch irgendwie tröstlich. Ich wurde im Juli 1967 geboren mit einer Zwillingsschwester; darüber hinaus habe ich noch zwei ältere Schwestern, geboren 1963 und 1964. Meine Mutter, geboren 1940 in Schlesien und vertrieben 1945 und mein Vater, geboren 1935 in Stade, sie haben ihren vier Töchtern mindestens 15 Umzüge zugemutet; teilweise wohnten wir nur ein halbes Jahr in irgendeiner Stadt, in der mein Vater einen Job gefunden hatte. Es wurde uns nie erklärt, warum wir denn schon wieder alle Brücken abbrechen, Freunde und Schulkameraden verlassen, lieb gewonnene Orte und Landschaften aufgeben sollen... es wurde einfach umgezogen und basta. Ich habe dieses unsägliche Muster übernommen...ich bin über dreißig Mal umgezogen. Nun lebe ich schon seit immerhin sieben Jahren in derselben Wohnung, aber das Nomadengefühl verlässt mich einfach nicht und was viel schlimmer ist, die bizarre Sprachlosigkeit zwischen mir und unserer Mutter ist schrecklich. Mittlerweile ist sie siebzig und hat seit geraumer Zeit eine Wahnidee entwickelt, die mich furchtbar aufregt und ratlos und wütend werden lässt. Es dreht sich nur noch alles um Juden, sie erzählt immer nur davon, dass „die Juden wieder nach Deutschland kommen“, dass „alles jüdisch ist“, „die Juden haben das Geld“ usw. dieses antisemitische widerliche Geschwätz einer alten, verbitterten Frau, die sich vom Leben komplett übervorteilt fühlt, macht mich krank. Von der Familie meiner Mutter weiß ich recht viel; sie stammten aus Schlesien, meine Oma (Mutter meiner Mutter) sprach polnisch... mein Opa war auch ein waschechter Schlesier. Der wurde im Krieg verwundet und ich habe ihn als kleines Kind nur humpelnd mit Krückstock in Erinnerung und später nur noch siechend im großen Federbett liegend, das Riesenkruzifix im Schlafzimmer und Oma, die ihn wortlos pflegte, bis er dann starb. Meine Mutter hatte noch sechs Geschwister, ein kleiner Bruder verstarb auf der Flucht an Typhus. In Auffanglagern waren die Kleinen anderthalb Jahr ohne Eltern, da mein Opa in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war und meine Oma wegen Typhus ein dreiviertel Jahr weg war... Die
Familie/das Leben meines Vaters ist mehr oder weniger ein
weißer Fleck... wir haben nur Informationen, die kaum
greifbar sind, von denen man nicht weiß, was stimmt
und was nicht... die eine Schwester meint, Fotos vom Opa (Vater
meines Vaters) in schwarzer SS-Uniform gesehen zu haben; die
Oma (Mutter unseres Vaters) war angeblich Halbjüdin und
wir vermuten, dass die Ehe noch vor Hitlers Machtergreifung
geschlossen wurde und somit die Rassengesetze noch nicht existierten;
dass aber wiederum in der Zeit des Dritten Reiches unsere
Oma bzw. ihre Herkunft wahrscheinlich „verleugnet“
werden musste. Ich
kann mit meiner Mutter nicht sprechen; sobald Gefühle
und Gedanken ins Spiel kommen, wird abgeblockt. Sie war schon
immer sehr hart, konnte uns als Kinder oder Teenager nie trösten;
wenn wir Leid erlebten oder traurig waren, hieß es immer
„Heul nicht. Reiß dich zusammen.“ usw. Diese
Ambivalenz zwischen Verständnis, in Schutz nehmen, Mitleid/Mitgefühl
und ohnmächtiger Wut und riesenhafter Trauer, dass man
das nie bekommen hat als Kind, was man so dringend gebraucht
hätte ist schlimm und begleitet mich mein ganzes Leben. Ja, ich fühle mich ausgebremst! Genau das trifft es! In Bezug auf die Frage, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, so ist es meistens das Hin und Her zwischen der Ratio und dem Denken, „Du weißt doch, wo das her kommt; Du brauchst diese alten Verhaltensmuster nicht mehr!“ usw. und dem sich immer wieder aufdrängenden Nichtswertsein-Gefühl; dem „Die Anderen sind wichtiger“ „Nimm dich nicht so wichtig“ „Das steht dir nicht zu!“ - Gefühl. Das „es hat doch sowieso alles keinen Sinn“ - Gefühl. Was
mich auch total wütend macht, ist die Art, wie meine
Mutter die Vergangenheit glorifiziert und die Realität
einfach umbaut. Sie steht in ihren Memoiren immer wie eine
Art Heilige da („wie ich das alles gemacht hab allein
mit euch vier Kindern!“), und wie toll das doch letzten
Endes für uns war, dass wir so oft umgezogen sind und
der Aufenthalt im Ausland...“ „Das prägt
einen, ihr habt so viel gelernt; ihr seid einfach anders als
andere...“ Teilweise stimmt das ja. Aber was hat man
davon, so „anders“ zu sein, wenn man sich nur
einsam und nicht dazugehörig fühlt und sein Leben
nicht in den Griff zu bekommen scheint? Ich ertappe mich auch immer dabei, wie ich beim Fernsehen schauen immer und immer wieder bei Dokumentationen über Krieg, Hitler, Vertreibung, Holocaust usw. hängen bleibe! Es ist wie ein Sog. Dann schaue ich mir diese Sendungen an und fange jedes Mal bitterlich an zu weinen... es ist wie eine tonnenschwere Last, die auf mir liegt; ich fühle so viel Schuld und Mitleid und Trauer in mir. Ich habe auch große Angst davor, wenn meine Eltern sterben, wie es dann weitergeht? Ob die ungesagten Dinge weiter in den Hälsen stecken bleiben und die Herzen verhärten und verklumpen... ob dann alles noch schlimmer wird oder ob es vielleicht besser wird..?! Die
körperliche Komponente ist auch interessant; die Mutter
hat sehr hohe Cholesterinwerte (das ständige auf der
Hut/Flucht sein treibt die Leber an), alle vier Töchter
haben ebenfalls hohes Cholesterin. Von den Depressionen und
depressiven Verstimmungen, die wir alle vier haben, hatte
ich ja bereits gesprochen. Von den ständig hochgezogenen
Schultern, dem eingezogenen Hals, dem Zähneknirschen
und der allgemeinen Verkrampftheit des Körpers, des sich-nie-richtig-entspannen-könnens
mal ganz abgesehen.“ ***
***
Kind kriegsbelasteter Vertriebener Ich bin 1956 geboren und suche nun seit fast 30 Jahren nach den Gründen für meine Probleme, bzw. nach einer Möglichkeit sie aufzulösen. Seit vielen Jahren frage ich mich, was mit mir los ist und warum ich mein Leben überhaupt nicht auf die Reihe bringe. Ich war drogenabhängig, hatte Bulimie, hatte schwere Depressionen, war medikamentenabhängig, bin völlig bindungsunfähig, finde keinen Platz an dem ich bleiben kann, ziehe immer wieder um, fühle mich immer fremd, kann keine berufliche Tätigkeit ausüben, weil ich es an keinem Arbeitsplatz aushalte. Ich habe verschiedene Studien angefangen und wieder abgebrochen. Erst mit 40 habe ich eine Berufsausbildung abgeschlossen, konnte aber dennoch nicht in dem Beruf arbeiten. Ich habe zahlreiche Therapien hinter mir. Ich
konnte mich zwar von meiner Drogen- und Medikamentensucht
befreien, auch die Bulimie ist kein Thema mehr, doch immer
noch lebe ich kein normales Leben. Ich ertrage keine Nähe,
habe Probleme mit Gefühlen, ich laufe immer davon (bin
immer auf der Flucht) und ich weiß irgendwie nicht wer
ich bin. Es traf mich wie ein Schlag. Einerseits war es wie ein Befreiungsschlag. Endlich endlich weiß ich, was mit mir los ist. Andererseits war es ein Schock. Seit ich das Buch gelesen habe, zieht mein ganzes Leben an mir vorbei. Immer wieder fallen mir Situationen mit meinen Eltern ein, die ich nun unter einem anderen Licht sehe. Es ist erschreckend und der Schmerz um das Leid meiner Eltern haut mich fast um. Meine Eltern waren beide Vertriebene aus dem Sudetenland. Meine Eltern waren keine Kinder mehr, als sie flüchten mussten, sie sind beide Anfang der 20er Jahre geboren, doch auch sie erlebten scheinbar so viel Leid, dass es sie für ihr ganzes Leben geprägt hat. Meine Mutter hat ihr Leben lang nicht darüber geredet. Erst ein paar Wochen vor ihrem Tod erzählte sie mir von ihrer Flucht. Und das auch nur andeutungsweise. Und ich habe nichts verstanden, nichts nachgefragt. Ich bin aufgewachsen unter einem schweren Mantel des Schmerzes und des Leids und der Sehnsucht nach der Heimat. Doch nie wurde davon auch nur ein Wort ausgesprochen. Der Schmerz lag um uns, aber er wurde nie mit Namen genannt. Nur die Heimat wurde öfters erwähnt. Aber nicht konkret. Ich erinnere mich, dass ich als Kind nicht wusste, was „Sudetenland“ ist und was das zu bedeuten hat. Dieses Wort schwebte in unserer Familie und machte uns zu etwas Besonderem, Andersartigem. Wir lebten irgendwie abgeschirmt von der „normalen“ Welt da draußen. Besuch kam fast nie. Es hieß immer, hier sind wir und dort die anderen. Alles was außerhalb unserer Familie war, war Gefahr. Uns wurde eingetrichtert, jedem Fremden zu misstrauen. Meine Eltern unternahmen nichts, gingen nicht aus, nicht ins Theater oder ins Kino oder zu Freunden. Sie hatten keine Freunde. Unser Leben spielte sich zuhause ab, dort war man sicher. Aber ich verstand nicht warum das so war. Es wurde nichts erklärt. Das ist das Schlimme. Ich merke nun, dass ich mein Leben lang versucht habe, in ein Raster zu passen, das von Flucht, Heimatverlust, Schmerz und Angst geprägt war. Ich wusste immer irgendwie, dass ich da nicht hineinpasse, aber es war ja das Raster, das mir meine Eltern vorgegeben hatten. Sie waren die einzige Orientierung die ich hatte. Wie hätte ich wissen können, dass Krieg und Vertreibung die Ursachen für ihr Verhalten und ihre Regeln waren. Ich bin dankbar, dass ich
endlich erfahren durfte, warum ich solche Schwierigkeiten
in meinem Leben habe und warum bei uns alles so seltsam war.
Ich hoffe, dass ich das alles nun vielleicht doch noch aufarbeiten
kann. *** Mein Erbe „Mein
Schweigen der ersten 50 Jahre zu brechen ist der Anfang dessen,
was ich mutig tun will, um mich aus den Fesseln von Scham,
Schuld, Sucht, Leichtsinn, Zerstörungsenergie zu befreien
und für mich selbst dieses Erbe zu würdigen, im
Geiste eines höheren Ziels, das LIEBE heißt.“ *** Muttervertreibung „So
klingt es immer wieder in mir: *** Horror vacui „Ich
zog für das Studium in eine kleine Substandardwohnung
(WC am Gang, Dusche in der Küche - ähnlich wie die
Wohnung meiner Urgroßmutter, zu der meine damals gerade
verwitwete Großmutter mit ihren drei verbliebenen Kindern
gezogen war) und wohnte dort 18 (!) Jahre (die meiste Zeit
davon mit meinen damaligen Lebenspartnern), auch als *** Der lange Weg der Erkenntnis „Dies
ist eine längere Geschichte, unbewusst begann sie bereits
vor Jahren, seit Ende 2005 wurde sie jedoch zur Belastung.
Ab dieser Zeit hatte ich regelmäßig mit Schwindel
zu tun, der mich teils tagelang und phasenweise auch wochenlang
lahm legte. Die Ursachenerforschung des Schwindels setzte
bei mir eine Odyssee von Arztbesuchen in Gang: Orthopäden,
HNO, Neurologen, einschließlich Kernsprinthomografie,
eine Gleichgewichtsanalyse sowie eine statische Vermessung
der Wirbelsäule und zuletzt noch eine Aufbissschiene.
***
*** Birgit Weidt im Gespräch mit Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“, Klett-Cotta, 2009 Inwiefern übertrug sich die nicht aufgearbeitete Vergangenheit der Eltern auf die Kinder? Bode: Das lief nicht bewusst ab und deshalb muss deutlich werden, dass es bei diesem Thema auch nicht um Schuld oder um Beschuldigung geht. Die von mir befragten Kriegsenkel leiden durchweg an einem Mangel an Emotionalität von Seiten der Mutter und/oder des Vaters. Der Satz, den ich immer wieder hörte, lautete: Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.’ Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben es selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Aber man muss sich klar machen: Den meisten Eltern war überhaupt nicht bewusst, dass sie diese Nachwirkungen des Krieges in sich trugen. Das Besondere bei den Kriegskindern ist ja: Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte in der Mehrzahl eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Denn es fehlte ihnen der emotionale Zugang zu diesen Erfahrungen und damit auch der Zugang zu den wichtigsten Prägungen. Dennoch wurden sie davon gesteuert. Was wäre Ihre Botschaft an die Kriegsenkel? Bode: Es müsste das Ziel sein, die eigenen Eltern besser zu verstehen und sich gleichzeitig auch endlich von ihnen abgrenzen zu können. Im Prinzip geht es darum, zwischen unguter Fürsorge und angemessener Unterstützung zu unterschieden. Die Kriegsenkel sollten sich nicht länger darum bemühen, ihre Eltern emotional zu erreichen, sondern die Beziehung so zu akzeptieren wie sie ist. Ich glaube nicht, dass solche Eltern sich nach mehr Nähe sehnen. Stattdessen ist es für die Kriegsenkel Zeit, sich selbst wesentliche Fragen zu stellen: Will ich beruflich noch einmal Gas geben? Will ich noch eine Familie gründen? Das setzt voraus, dass man sich gedanklich von den Eltern lösen kann, dass es nicht länger solch einen Unruhefaktor im Leben gibt, unter dem Motto: Ich muss die Mutter wieder anrufen, oder hoffentlich war der Vater beim Arzt, er sorgt so schlecht für sich. Es ist wichtig, sich so etwas bewusst zu machen. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas automatisch tut, weil es eben immer schon so war, oder ob man sich altersgerecht abgrenzt, indem man bei sich wahrnimmt: Es ist eine Belastung, wenn man die Eltern beeltern muss. Es geht auch darum herauszufinden: Kann ich eigentlich selbst gut für mich sorgen? Oder komme ich zu kurz, weil diese Dinge mir die Kraft absaugen, die ich eigentlich brauche, um in meinem eigenen Leben anzukommen und es zu gestalten. In
Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kriegsenkel von einem sekundären Bode: Ein Teil der Fachwelt spricht von einem, sekundären Trauma’, der andere Teil meidet in diesem Zusammenhang den Begriff Trauma und spricht von Menschen mit Bindungsstörungen, oder abgeschwächt von solchen, die unsicher gebunden sind. Eine Auffälligkeit in dieser Generation sind also gewisse Bindungsprobleme. Viele Kriegsenkel sagen: ‚Ich habe keinen Boden unter den Füßen, und ich kann es nicht aushalten, wenn mir ein anderer Mensch zu nahe kommt.’ Unsicher gebunden zu sein heißt, wenig Halt zu haben und übermäßig misstrauisch zu sein. Das belastet enge Beziehungen, denn die Fähigkeit zu vertrauen ist ja eine zentrale Voraussetzung für eine gute Beziehung. Viele Kriegsenkel leben also die unverarbeiteten Ängste der Eltern in verdünnter Konsistenz weiter. Stellen Sie sich eine Frau vor, die als Dreijährige monatelang mit Mutter und Großmutter auf der Flucht war. Natürlich kann sie sich als Erwachsene kaum daran erinnern. Sie sah sich nicht als Kriegskind, sondern als Nachkriegskind. In den Biografien meines Buchs taucht zu 80 Prozent im persönlichen Hintergrund Flucht und Vertreibung auf. Den Kindern der Flucht wurde nach gesagt: Vergiss alles und schau nach vorn. Also wurde verdrängt, so gut es ging. 14 Millionen Menschen verloren nach dem Krieg ihre Heimat. Sie versuchten sich mit dem Gedanken zu trösten: Wenn es materiell aufwärts geht, wenn die Kinder gute Schulnoten heimbringen, dann ist das Schlimmste überstanden. Doch bei den meisten Menschen, die als Erwachsene vertrieben wurden, blieb lebenslang ein Schmerz. Sie empfanden die neue Umgebung als Exil. Auch das mussten deren Kinder, die Kriegskinder, verkraften. *** „Kinder merken enorm viel. Aber wenn dieses Wissen im Untergrund bleiben muss..., dann bewegt sich dieser Mensch auf den dunklen Schienen eines unerkannten Wiederholungszwangs durch sein Leben“. Jürgen Müller-Hohagen, „Geschichte in uns“, S. 21 ***
„Meine
Wohnung ist mir heilig. Sie ist ein Ort der Zuflucht, der
Ruhe und Geborgenheit. Wenn ich am Fenster meines Zimmers
stehe, schaue ich nach Osten in einen Garten mit Blumen und
Efeu an der Wand. Dort tummeln sich Vögel, mit denen
ich oft stumme Dialoge führe. Gehe ich durch mein Zimmer
und meine kleine Diele in die Küche hinüber, dann
schaue ich in einen typischen Berliner Hinterhof nach Westen.
„In
der Forschung ist längst bekannt, dass traumatische oder
belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden,
an die nächste Generation übertragen werden können
– man nennt diesen Prozess "transgenerationale
Weitergabe". *** „Eine
Zeit der gemeinsamen Trauer hat bei uns in der Familie nie
stattgefunden.“ *** Über Loyalität: „Die Verpflichtung, die Schuld, entsteht doch häufig da, wo Mißtrauen war, Ausbeutung, Verlassenheit. Das Kind schont und stützt seine Eltern ein Leben lang, wo sie versagt haben, weil es dort nicht frei werden konnte.“ Frau G., Jürgen Müller-Hohagen, „Geschichte in uns“, S. 49 ***
„Manchmal
ist die deutsche Sprache faszinierend: In ihrer Klarheit und
in ihrer deutlichen Bildsprache ließ sie mich schon
manche Erkenntnisse haben – manchmal sollte man sie
aber auch korrigieren. So zum Beispiel dies: Ich habe manchmal
das Gefühl, ich bin gestört, weil ich so viele Macken
und Ticks habe und manchmal nicht weiß, was das alles
soll, warum ich die habe. Seit längerer Zeit beschäftige
ich mich dem 2. Weltkrieg, schließlich mit meinen Eltern,
die als Kinder unzählige Bombennächte miterlebt
haben, nächtelang Todesängste durchlebten - und
dann nach dem Krieg taten, als ob alles vergessen werden kann,
was erlebt wurde. Ich, 1962 in einer süddeutschen Kleinstadt
geboren und aufgewachsen, habe dieses Muster komplett übernommen:
Über diese Themen geschwiegen, sie als unwichtig, nichtig
abgetan, wer sich damit beschäftigt, habe ich immer gedacht,
der hat doch ein Problem, der ist depressiv oder ein „Gut-Mensch“
– lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen! So, wie
meine Eltern es taten: Nach Außen soll alles Top aussehen,
Hauptsache, die Fassade stimmt. Und was dahinter passiert,
das ist Privatsache, das sind private Probleme. Meine Fassade
bröckelte dann, eben weil ich merkte, wie gestört
ich in manchen Dingen bin: Beziehungsunfähig, Eigenbrödler,
der keine Nähe zulassen kann, depressive Rückzugstendenzen,
Schreckhaftigkeit oder in der Nacht aufwachen und Angst bekommen,
aber nicht zu wissen, wovor. Doch auch ich habe das alles
immer runtergespielt, das ist doch nichts, ich darf doch nicht
klagen, ich habe doch noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt.
Und es spuken die Sprüche durch den Kopf wie: „Was
mich nicht umbringt, macht mich stark!“ Aber jetzt denke
ich: Die Fassade hat bei meinen Eltern zwar perfekt funktioniert
(Arbeit, Haus, Garten, gepflegte Kleidung) aber dahinter,
in der Psyche, sah es dunkel und leer aus. Und dadurch bin
nämlich nicht ich gestört, sondern ich wurde gestört,
und zwar in meiner psychischen Entwicklung. Dadurch, dass
ich zwar körperlich gut versorgt wurde, aber psychisch
vernachlässigt, wurde ich gestört und konnte viele
Dinge, so zum Beispiel Vertrauen in mein Handeln, Selbstgefühl
oder auch Vertrauen in meine Umgebung und in andere Menschen,
nicht entwickeln. Anders nämlich als "Ich bin gestört",
was ja immer heisst, ich bin gestört im Inneren, ich
bin es aus mir selbst heraus, heisst: "Ich bin gestört
worden", dass nicht ich die Ursache der Gestörtheit
bin, sondern sie von außen kommt und die ich angenommen
habe/nicht anders konnte als sie annehmen. So verortet bekommt
dieser Begriff endlich seine richtige Bestimmung.“
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