Lebensgeschichten


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Those who cannot remember the past are condemned to repeat it
George Santayana

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Die Tochter eines Flüchtlingskindes aus Ostpreußen erzählt

Die Familie meiner Mutter hat zweimal „bei Null wieder angefangen“. Nach der Flucht im Januar 1945 aus Ostpreußen nach Sachsen, und als sie 11 Jahre später "nach dem Westen" gingen, lebten sie viele Jahre unter sehr einfachen Bedingungen, froh überhaupt eine Bleibe zu haben. Erst 1962 nach vielen Wohnungs- und Wohnortswechseln hatten sie wieder die erste „schöne“ Wohnung, wie meine Oma in ihren Memoiren schrieb.

Ich selbst bringe es inzwischen auf über 20 verschiedene Wohnsitze, wenn ich kürzere Aufenthalte wie Zwischenmieten und Unterbringungen während Praktika mitzähle. Meine Bleiben waren meist sehr bescheiden, ich fand es gut, mit wenig auskommen zu können. Zeitweise wohnte ich zusammen mit hässlichen muffigen fremden Möbeln, Kakerlaken und Schimmel. Mit Mitte 20 kam ich auf den „Selbstversorgertrip“. Ich wollte unbedingt wissen, wie autonom man im modernen Deutschland leben könnte. Unter anderem lebte ich eine Zeit lang auf einem Biohof in Alleinlage ohne Strom, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo, in einem Bauwagen mit Holzheizung und schlechter Isolierung. Erst mit 31 Jahren hatte ich meine erste richtige eigene Wohnung – wenn auch mit recht veraltetem Wohnstandard. Mehrmals habe ich Wohnort und Arbeit gewechselt, habe woanders „bei Null wieder angefangen“. Habe mich weder an Menschen, noch an eine Region dauerhaft gebunden. Seit ich 26 bin, lebe ich ganz bewusst auf dem Lande, da ich es dort als sicherer empfinde als in der Stadt. Im Hinterkopf ist der Gedanke „Wenn wieder schlechte Zeiten kommen, ist man hier besser aufgehoben. Man wird wahrscheinlich zu essen haben, und Kampfhandlungen konzentrieren sich eher auf Städte.“ Zudem arbeite ich seit vielen Jahren in landwirtschaftlichen Bereichen – denn Nahrung brauchen die Menschen immer, eine krisenfeste Branche sozusagen. Im Zweifelsfall ist ein Kilo Kartoffeln mehr wert als ein goldener Ring. Ich werde zu essen haben, und das beruhigt mich.

Wenn ich so zurückblicke, denke ich, was mich immer weiter getrieben hat, war die Suche nach „meinem Platz“ im Leben, einem sicheren Platz vor allem. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, nicht am rechten Platz zu sein. Das hatte wohl auch sehr mit meinem Elternhaus zu tun. Meine Eltern lebten miteinander im Kriegszustand. Ich litt unter einem Mangel an Sicherheit und Geborgenheit. Aber jetzt denke ich, dass auch die Familiengeschichte Teil der Ursache war.
Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, so sage ich: „Ich bin in der Heidelberger Gegend geboren und aufgewachsen.“ Aber ich habe nicht das Gefühl von dort zu sein. Obwohl es ja in meiner eigenen Biografie keinen Grund dafür gibt, trage ich tief in mir den Schmerz des Heimatverlustes.
Ein sehr bewegendes Erlebnis war für mich der Besuch in Ostpreußen gemeinsam mit meinen Großeltern, meiner Mutter und meinem Bruder in den 80er Jahren. Endlich Bilder zu den Geschichten zu haben. Gemeinsam mit meinen Großeltern an den Stätten ihres „ersten Lebens“ zu sein. Meine Mutter erinnerte sich ja nicht an viel. Ich habe mich sofort in die Gegend verliebt. Menschen kommen und gehen, das Land bleibt. Es ist tröstlich, dass ich das Land jederzeit besuchen kann, obwohl natürlich die Spuren der deutschen Bevölkerung mehr und mehr verwischen, wie ich bei meinem zweiten Besuch 1999 feststellen konnte. In meiner Wohnung steht seit Jahren eine Schale mit Erde von einer Weide, auf der einst die Kühe meiner Vorfahren grasten.

Vor vier Jahren erlitt ich einen Burnout. Nachdem ich bereits drei Jahre nur noch mit Mühe einigermaßen funktioniert hatte, war es eines Tages so weit, ich war total am Ende und brach zusammen. Von einem Tag auf den anderen war ich eines beträchtlichen Teils meiner Fähigkeiten beraubt. Ich musste Freundinnen und Familie um Hilfe bitten. Selbst mir einen Tee zu bereiten oder ein Telefonat zu führen, gelang mir in manchen Augenblicken nicht mehr. Schnell war mir jedoch klar, dass meine momentane Arbeitsbelastung lediglich das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, die tatsächliche Ursache jedoch in der Summe der Belastung in meinem gesamten Leben, seit meiner Kindheit zu suchen war. Leichter war es demnach, Stress zu reduzieren, der in aktuellen äußeren Faktoren begründet lag. Aber wie reduziert man Belastungen, die in einem sind, die aus dem Inneren, aus mir selbst kommen? Diesem inneren Stress auf die Schliche zu kommen hat mich gezwungenermaßen in den letzten vier Jahren stark beschäftigt. Stück für Stück wurde ich fündig, was genau in meinem Leben zu diesem Zusammenbruch geführt hatte. Doch für einen Großteil meiner Ängste, die mich innerlich stressten und mir die Lebenskraft raubten, fand ich keine Erklärung in meiner eigenen Biografie. Heute weiß ich, dass die transgenerational weitergegebenen Lebensängste meiner Mutter und Großmutter einen Großteil davon ausmachen. Beide kenne ich hauptsächlich im Zustand von Stress, Aufregung und Angst. Kein Wunder, dass ich das verinnerlicht habe, wo es mir doch ständig vorgelebt wurde.
Seit ich für meine Ängste eine Erklärung und Ursache gefunden habe, komme ich mehr und mehr zur Ruhe. Mein Leben ist entspannter geworden, meine Lebensqualität hat sich verbessert. Dieses Gefühl, dass es um Leben und Tod geht, dieser wahnsinnige innere Stress verliert mehr und mehr an Kraft.

Die Bücher über Kriegsenkel nahm ich übrigens jetzt zum Anlass einmal nachzurechnen, wie alt genau meine Oma zum Zeitpunkt der Flucht war: genau 38 Jahre und 8 Monate. Als ich meinen Burnout hatte, war ich 38 Jahre und 9 Monate alt. Damals schrieb ich so eine Art Gedicht, um auszudrücken, wie sich dieser Zusammenbruch für mich anfühlt. Es lautete:

ich bin außer mir
mein Haus ist unbewohnbar geworden
ich lebte in einem schönen Heim
und wachte eines Morgens auf
in Trümmern
nun komme ich nicht mehr zurecht
finde nichts mehr wieder
Schutt und Asche überall
es regnet ohne Unterlass

Nun fiel mir dieser Text wieder ein. Ich las ihn nochmal durch, um dann erstaunt zu bemerken, dass dies eigentlich ein Text über den Krieg ist.

Gegen das, was meine Mutter und Großeltern durchgemacht haben, ist so ein Burnout wohl lediglich ein kleiner Schnupfen, trotzdem will ich hier einige Parallelen ziehen. Beides stellt einen äußerst starken Bruch im Leben dar, nach dem nichts mehr so ist wie vorher. Ich habe durch diese Erkrankung einen deutlichen sozialen Abstieg erlebt. Teile meines sozialen Umfelds fielen weg. Einige meiner früheren Fähigkeiten und daher auch Möglichkeiten sind – vorerst – nicht mehr vorhanden. Ich musste für vieles neue Wege finden. Mich zurechtfinden in einer veränderten Welt. Darüber weinen nützt nicht viel. Man muss nach vorne schauen und das Beste daraus machen. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Überhaupt ist mir jetzt klar, welche Kraft auch in meiner Familiengeschichte liegt. Meine Familie hat in ihrem Leben viele Ängste ausgestanden, vielen Gefahren getrotzt. Sie hat immer wieder richtig gehandelt, den richtigen Riecher gehabt und das Leben in die eigene Hand genommen. So ist ihre Geschichte nicht zuletzt auch eine Erfolgsgeschichte. Mich damit auseinanderzusetzen hat mich ein Stück weit näher zu mir selbst gebracht, und das fühlt sich gut an. Vielleicht liegt die Heimat, die ich so verzweifelt suche, letztendlich doch ganz nahe - nämlich in mir.

So wie mir die Berichte anderer Betroffener geholfen haben, hoffe ich, dass der Eine oder Andere durch meine Geschichte eine Bereicherung erfährt.
marjellchen, Januar 2012

 

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Ein Gespräch mit Anna. Heimatlosigkeit in der zweiten Generation
Anna schaut auf den Boden. Dann hebt sie langsam ihren Kopf und schaut mich an. Sie sagt leise: Ich habe ein Buch gelesen. Schon vor einem Jahr. Und jetzt noch einmal. Das gleiche Buch. Es heißt: Kriegsenkel. Und es berührt und verstört mich gleichermaßen. Ich kann die Bedeutung noch nicht wirklich fassen. Es handelt über mich. Irgendwie. Ich befinde mich in einem Zustand der Verwirrung, des Berührtseins und der Nachdenklichkeit. Ihr Blick schweift in die Ferne.

Ja natürlich, ich kann etwas über den Inhalt des Buches sagen, sachlich ist das ganz einfach. Anna richtet sich auf, konzentriert sich, und spricht gefasst: Das Buch handelt über eine Generation in Deutschland, die zwischen 1960 und 1970 geboren wurde und deren Eltern im Zweiten Weltkrieg Kinder waren. Die Elterngeneration nennt die Autorin „Kriegskinder“ und die Kindergeneration, über die das Buch handelt, „Kriegsenkel“. Übertragen lassen sich die dargestellten Phänomene auf jedes Land und jede Zeit – Grundlage ist die Konstellation.

Erst in den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass es nicht nur nicht aufgearbeitete traumatische Erlebnisse von Kriegsteilnehmern in jeder Altersklasse gibt, sondern, dass diese oft verschwiegenen, vergessenen, banalisierten Kriegs-, Flüchtlings- und Angst-Erlebnisse gerade von Kindern, eine unbewusste Auswirkung auch auf die folgenden Generationen haben. In Fachkreisen… Ich unterbreche Anna und erinnere sie daran, dass ich gerne auf sie zurückkommen würde, wissen möchte, wie es ihr dabei geht. Anna schluckt. Das sichere Terrain, auf das sie durch die Inhaltsangabe gelangt war, soll sie also wieder verlassen… Ihr Blick verschwindet im Nichts.

Sie schaut mich mit einem fremden Blick an und erläutert leise. Meine Eltern wurden beide im Krieg geboren. Sie sind beide, als sie noch sehr klein waren, vertrieben worden, aus verschiedenen Richtungen. Sie mussten flüchten und ihr Zuhause, ihre Heimat zurücklassen. Beide Väter waren im Krieg, die Mütter haben sich jeweils in die Flüchtlingsströme eingereiht und um ihr Überleben gekämpft – was sie auch irgendwie bis in den Westen Deutschlands geschafft haben. Was sich dabei aber alles zugetragen hat, was meine Großmütter erlebt haben, das weiß ich kaum – außer ein paar vagen Andeutungen. Ihre Männer jedenfalls starben innerhalb der ersten zehn Nachkriegsjahre. Meine Eltern lernten sich zu Beginn der 60er Jahre im Studium kennen. Scheinbar unbeschadet. Und sie wollten alles anders machen.

Anna windet sich, sie ist deutlich verunsichert. (Was irritiert sie so?) Sie schaut an mir vorbei und flüstert. Ich bin in Friedenszeiten aufgewachsen. Ja, ich hatte alles, was ich brauchte. Bildung, ein Zuhause, Reisen, Kultur… Man strebte der Zukunft entgegen. Es steht mir nicht zu, zu klagen – das wäre unfair – ich hatte es doch gut. Trotzdem ist da ein Erbe zu verwalten, dem ich jetzt näher komme.

Wenn ich meine Eltern nach ihrer Kindheit fragte, dann kamen immer souveräne Antworten: dass sich ihre Erlebnisse nicht mit meiner Kindheit vergleichen ließen… dass es ein Abenteuer gewesen sei… dass es eben so war, wie es war… dass man nach vorne schauen wolle und ja jetzt alles anders sei… und nichts weiter. Bei diesen Worten schwang immer eine gewisse Härte mit, eine Distanz und gleichzeitig eine sanfte und weite Verlorenheit.

Ich verstehe: Vergangenheit und Zukunft sollten deutlich voneinander getrennt werden. Sie sollten nicht auseinander hervor gehen. Und die Gegenwart präsentierte sich als Insel, die von einem unbekannten Meer umschlossen wurde.

Anna fährt fort: Wenn ich auf mich schaue, darauf, dass „ich“ mich immer als Fremde fühle - egal wo ich bin! - obgleich ich gut sozialisiert und ausgebildet wurde – also nicht unter Minderwertigkeit leide – werde ich ganz schwach. Mein Selbstbewusstsein ist von meiner Grundstruktur her gut ausgebildet und kaum jemand kann nachvollziehen, dass ich mich oft so unbeholfen fühle. Immer das Gefühl habe, dass ich durchhalten müsse. Dass die Welt nicht auf festen Füssen stehe, sondern tagtäglich umfallen könne… Dass es „vorübergehende Lösungen“ seien, in denen wir uns bewegen, dass es keine Beständigkeit, keine Sicherheit, kein Zuhause gibt. Sondern, dass das Leben ein Überlebenskampf ohne Festpunkt ist.

Ich schaue Anna mit neuen Augen an, diese kleine Frau hat doch schon so viel in ihrem Leben geschafft – und sie ringt mit solch einer Lebensunsicherheit… Das hätte ich nie gedacht. Und, dass ihr Grundlebensgefühl durch ein unbewusstes Kriegstrauma ihrer Eltern, die in diesem Sinne nie eine Kindheit hatten und in eine durchgeschüttelte Welt mit Gefahren und Unsicherheiten geboren wurden, gespeist wird, akzeptiere ich als Möglichkeit sofort.
S. P., die Originalversion findet Ihr unter: www.sophiepannitschka.blogspot.com, 08. Oktober 2011.

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Mein Leid

„Ich gratuliere zu diesem Forum, weil ich endlich merke, dass ich nicht allein bin mit diesem unsäglichen Leid. Ich bin 1975 geboren und an einer Depression erkrankt. Ich breche in Tränen aus, wenn ich nur ein paar Bilder aus dem Krieg sehe, ein paar Sätze darüber höre. Und erst seit zwei Jahren ist mir bewusst, was passiert war. Ein Großvater, der seine Kriegstraumata über Jahre einem kleinen Kind auf die blanke Seele schrieb, seine Todesängste, seine Heldenphantasien, sein Durst, im Nachhinein eine Sinngebung zu bekommen, für das unermessliche Leid, das er erlitten und erzeugt hat. Die Großmutter saß daneben und hat mitgemacht, hat sich ebenfalls die Bestätigung geholt für den Sinn dieser Zeit. Von einem 6,7,8,9,10-jährigen. Und sie hatten wohl das Gefühl, dass ihnen das zustand. Und ich weiss jetzt: Das war seelischer Kindsmissbrauch.
Und es tut so unsagbar weh, diese existentiellen Ängste, die sich auf ein Kind übertragen haben, erst jetzt zu entdecken, sie zuzulassen, diesen unsagbaren Schmerz auszuhalten. Vorher lief alles unbewusst ab. Als Jugendlicher versuchte ich sein Leben nachzuspielen, weil er jedem, der nicht im Krieg war, die Existenzberechtigung absprach. Ich lief ständig in 30er Jahre Klamotten herum, wollte eine Wehrmachtsuniform kaufen, nur um den Stoff zu berühren, nur um in Kontakt zu kommen, mit dieser Zeit.
Ich schaffe es bis heute nicht, mir selbst „etwas Gutes“ zu tun, weil er es auch nicht hatte. Weil er mir ein schlechtes Gewissen eingebrannt hat, kein Kriegsleid erlebt zu haben.
Und all das, obwohl eine Generation dazwischen lag. Zu meinem Vater konnte der traumatisierte Großvater direkt nach dem Krieg keine emotionale Beziehung aufbauen. Später, 1975, konnte er das dann offenbar, leider - zu mir und das über Jahre. Bis heute weiß ich nicht, wer ich bin, kann keine Lebensbeziehungen eingehen. Und obwohl ich weiß, dass er „nichts dafür“ konnte – habe ich mittlerweile einen unglaublichen Hass auf ihn, weil mir das die Möglichkeit gibt, ihn aus meinem Leben zu werfen mit seinem Schicksal, für das ich definitiv nicht zuständig bin, für das ich keine Verantwortung mehr übernehmen will. Und wenn ich es in manchen Stunden schaffe, ihm die Verantwortung zurückzugeben, wird das Leben plötzlich so leicht. In der Psychotherapie übe und lerne ich das. Ohne - würde ich heute nicht mehr leben. Hau ab Opa - und mach Dein Ding allein.“
A. E., Juli 2011

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„... in den Kindern wird die Wahrheit, die man nicht aussprechen mag, sichtbar. Dass die Eltern gelitten haben, ist allein noch nichts, was in Abkapselung, Abwehr, Anklage und in die Not führt, die eigene Identität zu finden. Erst das Scheitern und die Schuld, die im Opferschicksal der Eltern liegen können, lasten auf den Kindern derart, dass sie sich lossagen müssen, lossagen wie auch die Kinder der Täter und sonst Beteiligten.
Damit wird zugleich deutlich, was das für die Kinder heißt: lossagen. Es heißt nicht, dass man die, von denen man sich lossagen muss, nicht eigentlich verstehen kann. Es heißt auch nicht, dass man sie nicht eigentlich lieben kann. Es bedeutet vielmehr, dass man ihr Leben nicht nachleben kann, ihr Schicksal nicht übernehmen, ihre Botschaften nicht erfüllen will. „Elternaustreibung“ kann allerdings auch bis zur Aufkündigung des Verständnisses und der Liebe gehen; das Verständnis für die Eltern und die Liebe zu ihnen können das Kind in eine deformierende Solidar- und Schuldgemeinschaft verstricken, die um der Rettung der eigenen Identität willen zerschlagen werden muss.“
Bernhard Schlink, „Vergangenheitsschuld“

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Schönen guten Tag Zusammen

„schon früh hat mich immer wieder das diffuse, ungute Gefühl beschlichen, dass das Thema „Kriegsenkel zu sein“ die Ursache für den schmerzhaften, anstrengenden, holperigen und traurigen Lebensweg sein könnte. Nachdem ich in diesem Forum gelesen habe, sitze ich an meinem Tisch und bin fassungslos, wie wahr dieses Gefühl ist/war.... und auch eine gewisse Erleichterung, eben nicht „meschugge“ zu sein, dass es tausenden Menschen genau so geht! Nicht schön, im Gegenteil, aber doch irgendwie tröstlich.

Ich wurde im Juli 1967 geboren mit einer Zwillingsschwester; darüber hinaus habe ich noch zwei ältere Schwestern, geboren 1963 und 1964. Meine Mutter, geboren 1940 in Schlesien und vertrieben 1945 und mein Vater, geboren 1935 in Stade, sie haben ihren vier Töchtern mindestens 15 Umzüge zugemutet; teilweise wohnten wir nur ein halbes Jahr in irgendeiner Stadt, in der mein Vater einen Job gefunden hatte. Es wurde uns nie erklärt, warum wir denn schon wieder alle Brücken abbrechen, Freunde und Schulkameraden verlassen, lieb gewonnene Orte und Landschaften aufgeben sollen... es wurde einfach umgezogen und basta.

Ich habe dieses unsägliche Muster übernommen...ich bin über dreißig Mal umgezogen. Nun lebe ich schon seit immerhin sieben Jahren in derselben Wohnung, aber das Nomadengefühl verlässt mich einfach nicht und was viel schlimmer ist, die bizarre Sprachlosigkeit zwischen mir und unserer Mutter ist schrecklich. Mittlerweile ist sie siebzig und hat seit geraumer Zeit eine Wahnidee entwickelt, die mich furchtbar aufregt und ratlos und wütend werden lässt. Es dreht sich nur noch alles um Juden, sie erzählt immer nur davon, dass „die Juden wieder nach Deutschland kommen“, dass „alles jüdisch ist“, „die Juden haben das Geld“ usw. dieses antisemitische widerliche Geschwätz einer alten, verbitterten Frau, die sich vom Leben komplett übervorteilt fühlt, macht mich krank.

Von der Familie meiner Mutter weiß ich recht viel; sie stammten aus Schlesien, meine Oma (Mutter meiner Mutter) sprach polnisch... mein Opa war auch ein waschechter Schlesier. Der wurde im Krieg verwundet und ich habe ihn als kleines Kind nur humpelnd mit Krückstock in Erinnerung und später nur noch siechend im großen Federbett liegend, das Riesenkruzifix im Schlafzimmer und Oma, die ihn wortlos pflegte, bis er dann starb. Meine Mutter hatte noch sechs Geschwister, ein kleiner Bruder verstarb auf der Flucht an Typhus. In Auffanglagern waren die Kleinen anderthalb Jahr ohne Eltern, da mein Opa in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war und meine Oma wegen Typhus ein dreiviertel Jahr weg war...

Die Familie/das Leben meines Vaters ist mehr oder weniger ein weißer Fleck... wir haben nur Informationen, die kaum greifbar sind, von denen man nicht weiß, was stimmt und was nicht... die eine Schwester meint, Fotos vom Opa (Vater meines Vaters) in schwarzer SS-Uniform gesehen zu haben; die Oma (Mutter unseres Vaters) war angeblich Halbjüdin und wir vermuten, dass die Ehe noch vor Hitlers Machtergreifung geschlossen wurde und somit die Rassengesetze noch nicht existierten; dass aber wiederum in der Zeit des Dritten Reiches unsere Oma bzw. ihre Herkunft wahrscheinlich „verleugnet“ werden musste.
Meinen Vater kenne ich nur als brutalen, aggressiven Rassisten und Antisemiten. Das hat mich schon als Kind furchtbar geängstigt und verwirrt. Er war distanziert, absolut kalt, hasserfüllt und feige. Er hat uns und unsere Mutter regelmäßig verprügelt; und wenn, dann nahm er sehr oft so merkwürdige, perverse Dinge zu Hilfe (ich sage immer Nazimethoden dazu). Er machte Handtücher nass und machte Knoten hinein und „überfiel“ uns dann damit. Es gab auch nie einen Anlass für die Prügel; es war nie nachvollziehbar... er hatte einfach cholerische Anfälle und war völlig hasserfüllt und wie ein wilder Stier.
Ich weiß nicht, was er in der Hitler-/Kriegszeit erlebt/gesehen/beobachtet oder vielleicht sogar getan hat als Bub, oder was ihm angetan wurde... ich weiß nur aus den spärlichen Erzählungen, dass er und seine vielen Geschwister, wenn der Vater abends nach Hause kam, regelmäßig mit dem Gürtel geschlagen wurden; die Mutter raportierte, was die Kinder angestellt hätten und dann kam der Gürtel. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Vater auch komplett indoktriniert ist von der Propaganda damals; dass er tatsächlich an diesen Herrenmenschen-Mist und diesen Rassenwahnsinn glaubt (er hat selber natürlich blaue Augen und ist blond...) Sein paranoides Verhalten und Sich-Abseilen bzw. Verstecken in Australien (geht es noch weiter weg??) sind für mich auch Zeichen von großer Angst, Feigheit und Verleugnung. Er hat den Kontakt zu seinen Töchtern komplett eingestellt; Briefe wurden ungeöffnet zurückgeschickt, keiner geht ans Telefon, der Briefkasten ist zugeklebt…

Ich kann mit meiner Mutter nicht sprechen; sobald Gefühle und Gedanken ins Spiel kommen, wird abgeblockt. Sie war schon immer sehr hart, konnte uns als Kinder oder Teenager nie trösten; wenn wir Leid erlebten oder traurig waren, hieß es immer „Heul nicht. Reiß dich zusammen.“ usw. Diese Ambivalenz zwischen Verständnis, in Schutz nehmen, Mitleid/Mitgefühl und ohnmächtiger Wut und riesenhafter Trauer, dass man das nie bekommen hat als Kind, was man so dringend gebraucht hätte ist schlimm und begleitet mich mein ganzes Leben.
Meine Schwestern und auch ich, wir alle haben mehr oder weniger große psychische Probleme, ich leide seit meinem ganzen Leben an Depressionen und Verlorenheitsgefühlen, unerklärlichen Ängsten, Leeregefühlen, dem Gefühl, nicht dazu zu gehören, dem Gefühl, mir steht nichts zu, ich darf irgendwie nicht glücklich sein und mich wohl fühlen. Auch habe ich immer das Gefühl, ich müsste meine Mutter bespaßen und immer den Entertainer geben; wenn ich zu Besuch bin lege ich alte Platten auf, es gibt ein Glas Wein und meine Mutter tanzt bei weg geschobenen Sesseln im Wohnzimmer... und ich gehe nach Hause und bin leer gesaugt, tieftraurig und brauche zwei Wochen, um mich zu erholen... es beschleicht einen immer das Gefühl der Melancholie, der Traurigkeit, das irgend etwas nicht stimmt. Symptomatischerweise bin ich Single... vielleicht ist es das Unterbewusstsein, was mir sagt, häng dich nicht an einen Menschen, es wird dir eh wieder weggenommen/kaputt gemacht/er geht sowieso weg von dir.... Meine drei Schwestern sind interessanterweise alle „unter der Haube“ und haben Kinder...

Ja, ich fühle mich ausgebremst! Genau das trifft es! In Bezug auf die Frage, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, so ist es meistens das Hin und Her zwischen der Ratio und dem Denken, „Du weißt doch, wo das her kommt; Du brauchst diese alten Verhaltensmuster nicht mehr!“ usw. und dem sich immer wieder aufdrängenden Nichtswertsein-Gefühl; dem „Die Anderen sind wichtiger“ „Nimm dich nicht so wichtig“ „Das steht dir nicht zu!“ - Gefühl. Das „es hat doch sowieso alles keinen Sinn“ - Gefühl.

Was mich auch total wütend macht, ist die Art, wie meine Mutter die Vergangenheit glorifiziert und die Realität einfach umbaut. Sie steht in ihren Memoiren immer wie eine Art Heilige da („wie ich das alles gemacht hab allein mit euch vier Kindern!“), und wie toll das doch letzten Endes für uns war, dass wir so oft umgezogen sind und der Aufenthalt im Ausland...“ „Das prägt einen, ihr habt so viel gelernt; ihr seid einfach anders als andere...“ Teilweise stimmt das ja. Aber was hat man davon, so „anders“ zu sein, wenn man sich nur einsam und nicht dazugehörig fühlt und sein Leben nicht in den Griff zu bekommen scheint?
Im „organisieren“ sind diese Kriegskinder alle toll, das haben sie ja von klein auf gelernt; wo kriegen wir was zu essen her, wie macht man aus fast nichts eine Suppe für 10 Personen, wo kriegt man Brennholz her... aber auf dem Gefühls- und Emotionssektor ist der Gefrierpunkt.

Ich ertappe mich auch immer dabei, wie ich beim Fernsehen schauen immer und immer wieder bei Dokumentationen über Krieg, Hitler, Vertreibung, Holocaust usw. hängen bleibe! Es ist wie ein Sog. Dann schaue ich mir diese Sendungen an und fange jedes Mal bitterlich an zu weinen... es ist wie eine tonnenschwere Last, die auf mir liegt; ich fühle so viel Schuld und Mitleid und Trauer in mir.

Ich habe auch große Angst davor, wenn meine Eltern sterben, wie es dann weitergeht? Ob die ungesagten Dinge weiter in den Hälsen stecken bleiben und die Herzen verhärten und verklumpen... ob dann alles noch schlimmer wird oder ob es vielleicht besser wird..?!

Die körperliche Komponente ist auch interessant; die Mutter hat sehr hohe Cholesterinwerte (das ständige auf der Hut/Flucht sein treibt die Leber an), alle vier Töchter haben ebenfalls hohes Cholesterin. Von den Depressionen und depressiven Verstimmungen, die wir alle vier haben, hatte ich ja bereits gesprochen. Von den ständig hochgezogenen Schultern, dem eingezogenen Hals, dem Zähneknirschen und der allgemeinen Verkrampftheit des Körpers, des sich-nie-richtig-entspannen-könnens mal ganz abgesehen.“
H.M., Januar 2011

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„Die Art meines Zugangs über psychologische Beratung und Therapie erlaubt mir einerseits tiefe Einblicke in Familien ehemaliger Täter oder NS-identifizierter Mitläufer, andererseits haben diese Einblicke auch ihre Grenzen: Stets bedacht sein wollen die geringe Zahl und die jeweils subjektive und nicht konfliktfreie Sicht der Informanten. Diese sind an dieser Stelle geradezu regelhaft die Ausgeschlossenen, die Randfiguren ihrer Familiensysteme. Als außerordentlich typisch habe ich über die Jahre hinweg eine Aufspaltung, eine Polarisierung in diesen Familien erfahren, wonach etwa bei vier Kindern drei ganz auf Seiten der Eltern stehen, das vierte dagegen völliger Außenseiter ist, dies meist von früher Kindheit an. Gegen sie hat sich Gewalt von beiden Elternteilen gerichtet in Form von Vernachlässigung, Misshandlungen, sexuellem Missbrauch, Missachtung, massiven Abwertungen bis hin dazu, sie als verrückt zu erklären. Dies geschieht regelhaft, wenn und weil sie das eherne Schweigegebot in den Familien zu verletzen drohen. Genau das aber ist ihnen eine existenzielle Notwendigkeit, haben sie doch schon als kleine Kinder etwas von der verschwiegenen und verleugneten Gewaltrealität hinter der biederen Fassade gespürt, sind dringend darauf angewiesen, dass diese Wahrnehmungen und Ahnungen mit ihnen geteilt werden, sehen sich ansonsten tatsächlich der Verrücktheit preisgegeben und sind nicht selten als psychiatrisch krank erklärt und in Nervenkliniken eingeliefert worden.
Über die Jahre hinweg habe ich so viele und so erschütternde, dabei von fundamentaler Ehrlichkeit getragene Hilferufe aus diesem Bereich erhalten, dass ich dazu gekommen bin, hier von einer speziellen deutschen Unterwelt zu sprechen. Dies meine ich im doppelten Sinne: einmal mit Blick auf diese Ausgegrenzten, dann aber noch mehr hinsichtlich solcher Familien. Pikant ist dabei, dass es sich des öfteren um Familien gerade aus den „besten Kreisen“ gehandelt hat bis in die Spitzen von Wirtschaft, Industrie, Wissenschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung.“
Jürgen Müller-Hohagen, „Übermittlung von Täterhaftigkeit an die nachfolgenden Generationen.“ In: Radebold, H, Bohleber, W, Zinnecker, J (Hrsg.), „Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen“, Juventa, Weinheim 2008.

 

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Kind kriegsbelasteter Vertriebener

Ich bin 1956 geboren und suche nun seit fast 30 Jahren nach den Gründen für meine Probleme, bzw. nach einer Möglichkeit sie aufzulösen. Seit vielen Jahren frage ich mich, was mit mir los ist und warum ich mein Leben überhaupt nicht auf die Reihe bringe. Ich war drogenabhängig, hatte Bulimie, hatte schwere Depressionen, war medikamentenabhängig, bin völlig bindungsunfähig, finde keinen Platz an dem ich bleiben kann, ziehe immer wieder um, fühle mich immer fremd, kann keine berufliche Tätigkeit ausüben, weil ich es an keinem Arbeitsplatz aushalte. Ich habe verschiedene Studien angefangen und wieder abgebrochen. Erst mit 40 habe ich eine Berufsausbildung abgeschlossen, konnte aber dennoch nicht in dem Beruf arbeiten.

Ich habe zahlreiche Therapien hinter mir.

Ich konnte mich zwar von meiner Drogen- und Medikamentensucht befreien, auch die Bulimie ist kein Thema mehr, doch immer noch lebe ich kein normales Leben. Ich ertrage keine Nähe, habe Probleme mit Gefühlen, ich laufe immer davon (bin immer auf der Flucht) und ich weiß irgendwie nicht wer ich bin.
Letzte Woche fiel mir in unserer örtlichen Bibliothek das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ in die Hände.

Es traf mich wie ein Schlag.

Einerseits war es wie ein Befreiungsschlag. Endlich endlich weiß ich, was mit mir los ist.

Andererseits war es ein Schock.

Seit ich das Buch gelesen habe, zieht mein ganzes Leben an mir vorbei. Immer wieder fallen mir Situationen mit meinen Eltern ein, die ich nun unter einem anderen Licht sehe. Es ist erschreckend und der Schmerz um das Leid meiner Eltern haut mich fast um.

Meine Eltern waren beide Vertriebene aus dem Sudetenland. Meine Eltern waren keine Kinder mehr, als sie flüchten mussten, sie sind beide Anfang der 20er Jahre geboren, doch auch sie erlebten scheinbar so viel Leid, dass es sie für ihr ganzes Leben geprägt hat. Meine Mutter hat ihr Leben lang nicht darüber geredet. Erst ein paar Wochen vor ihrem Tod erzählte sie mir von ihrer Flucht. Und das auch nur andeutungsweise. Und ich habe nichts verstanden, nichts nachgefragt.

Ich bin aufgewachsen unter einem schweren Mantel des Schmerzes und des Leids und der Sehnsucht nach der Heimat. Doch nie wurde davon auch nur ein Wort ausgesprochen. Der Schmerz lag um uns, aber er wurde nie mit Namen genannt. Nur die Heimat wurde öfters erwähnt. Aber nicht konkret. Ich erinnere mich, dass ich als Kind nicht wusste, was „Sudetenland“ ist und was das zu bedeuten hat. Dieses Wort schwebte in unserer Familie und machte uns zu etwas Besonderem, Andersartigem. Wir lebten irgendwie abgeschirmt von der „normalen“ Welt da draußen. Besuch kam fast nie. Es hieß immer, hier sind wir und dort die anderen. Alles was außerhalb unserer Familie war, war Gefahr. Uns wurde eingetrichtert, jedem Fremden zu misstrauen. Meine Eltern unternahmen nichts, gingen nicht aus, nicht ins Theater oder ins Kino oder zu Freunden. Sie hatten keine Freunde. Unser Leben spielte sich zuhause ab, dort war man sicher.

Aber ich verstand nicht warum das so war. Es wurde nichts erklärt. Das ist das Schlimme.

Ich merke nun, dass ich mein Leben lang versucht habe, in ein Raster zu passen, das von Flucht, Heimatverlust, Schmerz und Angst geprägt war. Ich wusste immer irgendwie, dass ich da nicht hineinpasse, aber es war ja das Raster, das mir meine Eltern vorgegeben hatten. Sie waren die einzige Orientierung die ich hatte. Wie hätte ich wissen können, dass Krieg und Vertreibung die Ursachen für ihr Verhalten und ihre Regeln waren.

Ich bin dankbar, dass ich endlich erfahren durfte, warum ich solche Schwierigkeiten in meinem Leben habe und warum bei uns alles so seltsam war. Ich hoffe, dass ich das alles nun vielleicht doch noch aufarbeiten kann.
A.W. Januar 2011

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Mein Erbe

„Mein Schweigen der ersten 50 Jahre zu brechen ist der Anfang dessen, was ich mutig tun will, um mich aus den Fesseln von Scham, Schuld, Sucht, Leichtsinn, Zerstörungsenergie zu befreien und für mich selbst dieses Erbe zu würdigen, im Geiste eines höheren Ziels, das LIEBE heißt.“
Hans-Reiner, November 2010

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Muttervertreibung

„So klingt es immer wieder in mir:
„Mutter, es war doch eine Vertreibung“!
Noch nie hat sie ungefragt etwas dazu gesagt oder erzählt. Verschlossen sind die Bilder in ihr, sie sperrt sie eine, seit sie 16 ist, und sperrt sich seitdem vom Leben aus.
Was ich damit zu tun habe?
Wenn ich an dieses kleine Bauerndorf in einem Seitental der Ahr denke, so spüre ich, dass mir etwas fehlt. Wie eine Wurzel, die keinen Nährboden findet, die – ausgehend von einem Baum, der am Abgrund steht - in die Tiefe des Abgrunds hinunter wächst, ohne Halt und Nahrung zu finden. Ja, so kenne ich sie, meine beraubte Mutter.
Alles zurück lassen mussten sie:
Herberge, Arbeit, Gewohntes, lieb Gewonnenes, Freunde, Verwandte.
Gerne wüsste ich, womit sie losgezogen sind, meine Großeltern und die zehn Kinder, arm wie Kirchenmäuse, um ihre Heimat und dem wenigen Hab und Gut beraubt, was Großvater durch seiner Hände Arbeit Tag und Nacht geschaffen hatte. Meine Fantasie geht dahin, dass alles auf einen vierrädrigen Leiterwagen passte, alles sorgfältig und achtsam verpackt, fest gezurrt und verrödelt, damit nur nichts verloren gehen oder zerbrechen konnte.
Vor wenigen Jahren ist sie erstmals wieder zurückgekehrt an diesen Ort, ihre verlorene Heimat. Verbittert hat sie ihre Wut auf die ausgedrückt, die damals, vor fast 70 Jahren geblieben sind. „Die hätten sich alle Grundstücke unter den Nagel gerissen…“
Zum ersten mal habe ich damals etwas von dieser Bitterkeit, nein, von der Wurzel ihrer Bitterkeit gespürt und erfahren, was es (unter Anderem) ist, das diese riesige Loch in ihr gerissen hat, das mir immer wieder leibhaftig vor Augen ist, wenn ich sie sehe:
Gesenkter Blick, der mir sagt:
„Bitte hilf mir, Du kannst dieses Loch füllen!“
Nein, Mutter, ich kann es nicht, so sehr ich Dich liebe!“
Hans-Reiner, November 2010

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Horror vacui

„Ich zog für das Studium in eine kleine Substandardwohnung (WC am Gang, Dusche in der Küche - ähnlich wie die Wohnung meiner Urgroßmutter, zu der meine damals gerade verwitwete Großmutter mit ihren drei verbliebenen Kindern gezogen war) und wohnte dort 18 (!) Jahre (die meiste Zeit davon mit meinen damaligen Lebenspartnern), auch als
ich schon längst mein eigenes Geld verdiente, und obwohl ich selbst als Kind einen besseren Wohnstandard gewohnt war. Nachdem mir meine Katze in der kleinen Wohnung leid tat, begann ich mich für eine Übersiedlung zu interessieren….
Schließlich bin ich mit 40 in eine schöne, große und bequeme Wohnung gezogen, die ich darüber hinaus seit fünf Jahren alleine bewohne, und habe noch immer ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht - manchmal beschleicht mich deswegen ein Unwohlbefinden (das Gefühl kenne ich auch aus anderen Situationen, wo etwas gut läuft).
Ich kann nicht sagen, ob diese Blockaden ihre Wurzeln in der Kriegszeit haben, oder ob sie ein schichtspezifisches Problem sind. Das betrifft auch das Thema „Raumausnutzung“. Damit meine ich die Einschränkung der Bewegungsfreiheit in einer Wohnung durch die Möblierung, eine Art „Horror vacui“, der das einzelne Körperindividuum eingrenzt und einengt, weil der verfügbare „Platz optimal ausgenutzt werden muss“. Dieses Phänomen ist mir erst vor ein, zwei Jahren bewusst geworden. Es ist übrigens eng verwandt mit der Neigung zum Hamstern, der ich auch immer wieder bewusst gegensteuern muss.“
Elisabeth R., August 2010

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Der lange Weg der Erkenntnis

„Dies ist eine längere Geschichte, unbewusst begann sie bereits vor Jahren, seit Ende 2005 wurde sie jedoch zur Belastung. Ab dieser Zeit hatte ich regelmäßig mit Schwindel zu tun, der mich teils tagelang und phasenweise auch wochenlang lahm legte. Die Ursachenerforschung des Schwindels setzte bei mir eine Odyssee von Arztbesuchen in Gang: Orthopäden, HNO, Neurologen, einschließlich Kernsprinthomografie, eine Gleichgewichtsanalyse sowie eine statische Vermessung der Wirbelsäule und zuletzt noch eine Aufbissschiene.
Im Juni 2008 steigerte sich meine Angst zur ersten Panikattacke. Es folgten weitere Attacken, wobei ich aufgrund von Todesängsten zweimal notfallmäßig im Krankenhaus landete. Danach wurde ich erst von einer Neurologin aufgeklärt, dass ich unter Panik- und Angstattacken leide, worüber ich vorher keine Informationen hatte.
Während einer neunwöchigen intensiven Therapie stellte man fest, dass ich selber keinerlei Erlebnisse hatte, die eine solche Angststörung auslösen könnten. Da hörte ich das erste Mal, dass es sich wohl um eine transgenerationale Weitergabe von Ängsten handeln müsste, da ich selbst Blockaden feststellen konnte, dass ich mich bisher unbewusst weigerte, mich mit den Kriegserlebnissen meiner Eltern auseinander zu setzen. Also erfolgte eine geschichtliche Auseinandersetzung mit meiner Mutter, wo ich erstmals erfuhr, was sie als Kind im 2.Weltkrieg erlebt hatte.
Zu mehr war ich vor 2 Jahren nicht bereit. Es folgte dann ein weiteres halbes Jahr Verhaltenstherapie, um mit meiner Angst im Alltag zurecht zu kommen.
Schließlich hatte ich ein gutes Jahr keine Probleme und habe nahezu alles wieder gemacht, was zwischenzeitlich nicht ging, z.B. Kaufhäuser, Kino, Auto fahren, usw..
Vor ca. 6 Wochen ging dann alles wieder von vorne los, ich konnte das Haus kaum alleine verlassen, hatte eine nahezu unerträgliche innere Unruhe, bekam Herzrasen, weiche Knie und konnte kaum Leute um mich herum ertragen.
Wurde schließlich krank geschrieben, um erst mal zur Ruhe zu kommen. Diese Ruhe sorgte jedoch nicht für Entspannung, sondern die Angst verstärkte sich und wurde in gewisser Weise konkreter, da ich kaum noch äußeren Einflüssen ausgesetzt war. Ich spürte eine permanente Angst es könnte etwas passieren oder es könnte bei mir etwas entdeckt werden, obwohl mir klar war, dass ich nichts verstecke. Dazu kam eine unendliche Traurigkeit, die ich nicht zuordnen konnte. Ich wollte das Haus kaum noch verlassen und nur von meiner Familie umgeben sein.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, da ist noch etwas, was meine Mutter mir nicht erzählt hatte. Also, mit etwas Überwindung, habe ich meine Mutter nochmals auf ihre Kindheit angesprochen, aber bei ihr gab es keine weiteren Geheimnisse. Als ich ihr allerdings erzählte, dass ich Angst habe, es könnte etwas entdeckt werden, kam sie gleich auf die Familie meines Vaters. Komischerweise habe ich immer nur zur Familie meiner Mutter geschaut, womit ich einfach falsch lag.
Mein Vater hatte nie über Gefühle oder Ängste gesprochen, da er seine komplett verdrängt haben musste, so dass ich auch nie über seine Kindheit nachgedacht hatte, obwohl es jetzt sehr offensichtlich ist, dass die Ängste von ihm weitergegeben wurden.
Mein Vater hatte einen behinderten Bruder, der in der ganzen Kriegszeit immer wieder versteckt werden musste, so dass mein Vater über Jahre der Anspannung ausgesetzt war, er könnte entdeckt werden. Leider ist mein Vater vor einem Jahr gestorben, so dass ich nicht mehr nachfragen kann, wie und wo mein Onkel versteckt wurde und was es für ihn bedeutete. Er hatte auch mit meiner Mutter nie darüber gesprochen, es wurde nur so nebenbei erwähnt, dass mein Onkel irgendwie immer mitlief, aber welche Ängste damit verbunden waren, hatte niemand erwähnt.
Auf jeden Fall bin ich froh, dass sich meine Ängste nun etwas besser erklären lassen und es mir auf die Dauer hoffentlich leichter fallen wird, mit den „fremden“ Ängsten zu leben.“
Karla, August 2010 (geb. 1965)

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„Man hat noch nicht über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachgedacht. Aber wer sie zu beschreiben versuchte, der müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihrer überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? (…) Das Gefühl für die Heimat stand, jedenfalls in den Dichtungen der Menschheit, immer neben der Erinnerung an Flucht und Entwurzelung. Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?“ Gustav Seibt: „Jenseits des Aufrechnens. Die Deutschen, der Luftkrieg und die Vertreibung“, Süddeutsche Zeitung 2007; Zitat in: Andreas Krosssert: „Kalte Heimat“, S. 14

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Birgit Weidt im Gespräch mit Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“, Klett-Cotta, 2009

Inwiefern übertrug sich die nicht aufgearbeitete Vergangenheit der Eltern auf die Kinder?

Bode: Das lief nicht bewusst ab und deshalb muss deutlich werden, dass es bei diesem Thema auch nicht um Schuld oder um Beschuldigung geht. Die von mir befragten Kriegsenkel leiden durchweg an einem Mangel an Emotionalität von Seiten der Mutter und/oder des Vaters. Der Satz, den ich immer wieder hörte, lautete: Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.’ Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben es selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Aber man muss sich klar machen: Den meisten Eltern war überhaupt nicht bewusst, dass sie diese Nachwirkungen des Krieges in sich trugen. Das Besondere bei den Kriegskindern ist ja: Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte in der Mehrzahl eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Denn es fehlte ihnen der emotionale Zugang zu diesen Erfahrungen und damit auch der Zugang zu den wichtigsten Prägungen. Dennoch wurden sie davon gesteuert.

Was wäre Ihre Botschaft an die Kriegsenkel?

Bode: Es müsste das Ziel sein, die eigenen Eltern besser zu verstehen und sich gleichzeitig auch endlich von ihnen abgrenzen zu können. Im Prinzip geht es darum, zwischen unguter Fürsorge und angemessener Unterstützung zu unterschieden. Die Kriegsenkel sollten sich nicht länger darum bemühen, ihre Eltern emotional zu erreichen, sondern die Beziehung so zu akzeptieren wie sie ist. Ich glaube nicht, dass solche Eltern sich nach mehr Nähe sehnen. Stattdessen ist es für die Kriegsenkel Zeit, sich selbst wesentliche Fragen zu stellen: Will ich beruflich noch einmal Gas geben? Will ich noch eine Familie gründen? Das setzt voraus, dass man sich gedanklich von den Eltern lösen kann, dass es nicht länger solch einen Unruhefaktor im Leben gibt, unter dem Motto: Ich muss die Mutter wieder anrufen, oder hoffentlich war der Vater beim Arzt, er sorgt so schlecht für sich. Es ist wichtig, sich so etwas bewusst zu machen. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas automatisch tut, weil es eben immer schon so war, oder ob man sich altersgerecht abgrenzt, indem man bei sich wahrnimmt: Es ist eine Belastung, wenn man die Eltern beeltern muss. Es geht auch darum herauszufinden: Kann ich eigentlich selbst gut für mich sorgen? Oder komme ich zu kurz, weil diese Dinge mir die Kraft absaugen, die ich eigentlich brauche, um in meinem eigenen Leben anzukommen und es zu gestalten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kriegsenkel von einem sekundären
Trauma geprägt sind. Worin äußert es sich?

Bode: Ein Teil der Fachwelt spricht von einem, sekundären Trauma’, der andere Teil meidet in diesem Zusammenhang den Begriff Trauma und spricht von Menschen mit Bindungsstörungen, oder abgeschwächt von solchen, die unsicher gebunden sind. Eine Auffälligkeit in dieser Generation sind also gewisse Bindungsprobleme. Viele Kriegsenkel sagen: ‚Ich habe keinen Boden unter den Füßen, und ich kann es nicht aushalten, wenn mir ein anderer Mensch zu nahe kommt.’ Unsicher gebunden zu sein heißt, wenig Halt zu haben und übermäßig misstrauisch zu sein. Das belastet enge Beziehungen, denn die Fähigkeit zu vertrauen ist ja eine zentrale Voraussetzung für eine gute Beziehung. Viele Kriegsenkel leben also die unverarbeiteten Ängste der Eltern in verdünnter Konsistenz weiter. Stellen Sie sich eine Frau vor, die als Dreijährige monatelang mit Mutter und Großmutter auf der Flucht war. Natürlich kann sie sich als Erwachsene kaum daran erinnern. Sie sah sich nicht als Kriegskind, sondern als Nachkriegskind. In den Biografien meines Buchs taucht zu 80 Prozent im persönlichen Hintergrund Flucht und Vertreibung auf. Den Kindern der Flucht wurde nach gesagt: Vergiss alles und schau nach vorn. Also wurde verdrängt, so gut es ging. 14 Millionen Menschen verloren nach dem Krieg ihre Heimat. Sie versuchten sich mit dem Gedanken zu trösten: Wenn es materiell aufwärts geht, wenn die Kinder gute Schulnoten heimbringen, dann ist das Schlimmste überstanden. Doch bei den meisten Menschen, die als Erwachsene vertrieben wurden, blieb lebenslang ein Schmerz. Sie empfanden die neue Umgebung als Exil. Auch das mussten deren Kinder, die Kriegskinder, verkraften.

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„Kinder merken enorm viel. Aber wenn dieses Wissen im Untergrund bleiben muss..., dann bewegt sich dieser Mensch auf den dunklen Schienen eines unerkannten Wiederholungszwangs durch sein Leben“. Jürgen Müller-Hohagen, „Geschichte in uns“, S. 21

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Meine Wohnung

„Meine Wohnung ist mir heilig. Sie ist ein Ort der Zuflucht, der Ruhe und Geborgenheit. Wenn ich am Fenster meines Zimmers stehe, schaue ich nach Osten in einen Garten mit Blumen und Efeu an der Wand. Dort tummeln sich Vögel, mit denen ich oft stumme Dialoge führe. Gehe ich durch mein Zimmer und meine kleine Diele in die Küche hinüber, dann schaue ich in einen typischen Berliner Hinterhof nach Westen.
Ich liebe meine Wohnung. Aber das war ein langer Weg dorthin. Denn 1991 bin ich als Zwanzigjährige nach meinem Abitur in Essen mit nur zwei Koffern und völlig unvorbereitet nach Berlin gezogen. Dort habe ich dann in den kommenden 12 Jahren eine wahre Zimmer- und Wohnungs-Odyssee zelebriert: Studentenwohnheime, WG-Zimmer, plötzliche Umzüge in andere WGs, unzählige Umzüge in Wohnungen auf Zeit und zur Untermiete, mit fremden Möbeln, schlechten Gerüchen, unangenehmen und angenehmen Mitbewohnern und dann wieder: Knall auf Fall umziehen, das schnellstmögliche nehmen, aus Angst, ich finde nichts besseres.
Dann kam das Erlebnis mit den Mäusen, die ich in einer Wohnung entdeckt hatte. Nachts bin ich in panischer Angst vor den Tieren zu Freunden gezogen. Ich konnte die Wohnung nur noch vor Angst erstarrt betreten, fluchtartiger Auszug in eine neue Wohnung, nun jedoch das erste Mal als richtige Hauptmieterin mit einer kleinen zusammen gebastelten und improvisierten Einrichtung (Hauptsache: ich komme schnell weg). Dort, in die 27 qm-Wohnung, zog dann jedoch gleich mein damaliger Freund halb mit ein, drei Jahre wohnten wir dort auf engstem Raum zusammen. Er war Mazedonier und ich überlegte schon, ob wir die Familie von ihm in meiner Wohnung aufnehmen sollten, wenn der damalige Jugoslawien-Krieg auch auf Mazedonien übergreifen würde. Dazu kam es dann aber nicht.
Bevor ich in meine jetzige Wohnung zog, brach man in meine alte ein und verwüstete teilweise meine Einrichtung. Fluchtartiger Auszug, Panik vor der Wohnung, in der ich mittlerweile so lange gelebt hatte.
Doch dann fand ich endlich mein Zuhause, meine jetzige Wohnung. Und in den letzten Jahren ging mir auf, was das alles so auf sich hat. Denn meine Familie mütterlicherseits musste aus Polen flüchten. Über Nacht und völlig unvorbereitet. Das einzige, was meine Oma mitnehmen konnte war eine kleine Keksdose. Sie steht nun bei mir auf der Kommode. Meine Mutter war bei der Flucht 9 Jahre alt. Ich bin davon überzeugt, dass sich dieses Fluchterlebniss in mir einprägte, ohne dass ich es wusste. Meine Mutter sagt bis heute, sie habe das alles sehr gut verkraftet, es sei eher wie ein Abenteuer gewesen, aber irgendwie scheint das vielleicht tief in ihr drin sitzende Trauma auf mich übergegangen zu sein. Und ich habe jahrelang diesen Schrecken reinszeniert, ohne mir darüber bewusst zu sein.
Seitdem ich um diesen Zusammenhang weiß, kann ich anders mit dieser Wohnungshetze umgehen. Nicht mit Selbstvorwürfen, so chaotisch und unzumutbar zu sein, sondern mit Verständnis. Ich habe immer noch Ängste, meine jetzige Wohnung verlieren zu müssen. Ich lag zum Beispiel vor einigen Wochen nachts in meinem Bett und konnte nicht schlafen, weil meine Nachbarn über mir Krach machten. Voller Angst habe ich gedacht, dass ich nun, wenn das so weitergeht, wieder eine neue Wohnung suchen muss und alles aufgeben muss. Aber dann wurde mir der Ursprung dieser Gedanken wieder klar und ich konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Ich hoffe, dass sich das Gefühl etabliert, ein absolutes Wohnrecht zu besitzen und dass keiner mir meine Wohnung wegnehmen kann. Wenn ich diese Stärke spüren lerne, dann fühle ich mich auch nicht mehr so ausgeliefert. Ich bin da noch nicht angekommen, aber auf dem Weg dorthin.“
Anja F., Januar 2010


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„In der Forschung ist längst bekannt, dass traumatische oder belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden, an die nächste Generation übertragen werden können – man nennt diesen Prozess "transgenerationale Weitergabe".

Wir sind eine Generation, deren Lebensgefühl geprägt ist von emotionalen Erfahrungen, die gut 60 Jahre zurückreichen: die Heimatlosigkeit, das Gefühl, sich nirgends verwurzeln zu können, die eingeimpfte Existenzangst, Bindungsschwierigkeiten, Identitätsverwirrungen und vor allem das Gefühl, bei den Eltern etwas wieder gutmachen zu müssen ...all das sind oft Folgen der elterlichen Kriegs-, Flucht- und Vertreibungserfahrung.

"Meine Eltern und ich, wir kennen uns eigentlich kaum" – das ist ein Satz, den ich im Zuge der Recherche zu diesem Buch immer wieder hörte. Ein Gefühl der Fremdheit scheint die Beziehung vieler 1955-1975 Geborenen zu ihren Eltern, den Kriegskindern, zu charakterisieren.“
Anne-Ev Ustorf, „Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs“, Freiburg im Breisgau: Herder, 2008.

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„Eine Zeit der gemeinsamen Trauer hat bei uns in der Familie nie stattgefunden.“
Annette S., Dezember 2009

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Über Loyalität: „Die Verpflichtung, die Schuld, entsteht doch häufig da, wo Mißtrauen war, Ausbeutung, Verlassenheit. Das Kind schont und stützt seine Eltern ein Leben lang, wo sie versagt haben, weil es dort nicht frei werden konnte.“ Frau G., Jürgen Müller-Hohagen, „Geschichte in uns“, S. 49

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Ich bin gestört worden

„Manchmal ist die deutsche Sprache faszinierend: In ihrer Klarheit und in ihrer deutlichen Bildsprache ließ sie mich schon manche Erkenntnisse haben – manchmal sollte man sie aber auch korrigieren. So zum Beispiel dies: Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin gestört, weil ich so viele Macken und Ticks habe und manchmal nicht weiß, was das alles soll, warum ich die habe. Seit längerer Zeit beschäftige ich mich dem 2. Weltkrieg, schließlich mit meinen Eltern, die als Kinder unzählige Bombennächte miterlebt haben, nächtelang Todesängste durchlebten - und dann nach dem Krieg taten, als ob alles vergessen werden kann, was erlebt wurde. Ich, 1962 in einer süddeutschen Kleinstadt geboren und aufgewachsen, habe dieses Muster komplett übernommen: Über diese Themen geschwiegen, sie als unwichtig, nichtig abgetan, wer sich damit beschäftigt, habe ich immer gedacht, der hat doch ein Problem, der ist depressiv oder ein „Gut-Mensch“ – lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen! So, wie meine Eltern es taten: Nach Außen soll alles Top aussehen, Hauptsache, die Fassade stimmt. Und was dahinter passiert, das ist Privatsache, das sind private Probleme. Meine Fassade bröckelte dann, eben weil ich merkte, wie gestört ich in manchen Dingen bin: Beziehungsunfähig, Eigenbrödler, der keine Nähe zulassen kann, depressive Rückzugstendenzen, Schreckhaftigkeit oder in der Nacht aufwachen und Angst bekommen, aber nicht zu wissen, wovor. Doch auch ich habe das alles immer runtergespielt, das ist doch nichts, ich darf doch nicht klagen, ich habe doch noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt. Und es spuken die Sprüche durch den Kopf wie: „Was mich nicht umbringt, macht mich stark!“ Aber jetzt denke ich: Die Fassade hat bei meinen Eltern zwar perfekt funktioniert (Arbeit, Haus, Garten, gepflegte Kleidung) aber dahinter, in der Psyche, sah es dunkel und leer aus. Und dadurch bin nämlich nicht ich gestört, sondern ich wurde gestört, und zwar in meiner psychischen Entwicklung. Dadurch, dass ich zwar körperlich gut versorgt wurde, aber psychisch vernachlässigt, wurde ich gestört und konnte viele Dinge, so zum Beispiel Vertrauen in mein Handeln, Selbstgefühl oder auch Vertrauen in meine Umgebung und in andere Menschen, nicht entwickeln. Anders nämlich als "Ich bin gestört", was ja immer heisst, ich bin gestört im Inneren, ich bin es aus mir selbst heraus, heisst: "Ich bin gestört worden", dass nicht ich die Ursache der Gestörtheit bin, sondern sie von außen kommt und die ich angenommen habe/nicht anders konnte als sie annehmen. So verortet bekommt dieser Begriff endlich seine richtige Bestimmung.“
Uwe K., September 2009


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