Lebensgeschichten


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Horror vacui

„Ich zog für das Studium in eine kleine Substandardwohnung (WC am Gang, Dusche in der Küche - ähnlich wie die Wohnung meiner Urgroßmutter, zu der meine damals gerade verwitwete Großmutter mit ihren drei verbliebenen Kindern gezogen war) und wohnte dort 18 (!) Jahre (die meiste Zeit davon mit meinen damaligen Lebenspartnern), auch als
ich schon längst mein eigenes Geld verdiente, und obwohl ich selbst als Kind einen besseren Wohnstandard gewohnt war. Nachdem mir meine Katze in der kleinen Wohnung leid tat, begann ich mich für eine Übersiedlung zu interessieren….
Schließlich bin ich mit 40 in eine schöne, große und bequeme Wohnung gezogen, die ich darüber hinaus seit fünf Jahren alleine bewohne, und habe noch immer ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht - manchmal beschleicht mich deswegen ein Unwohlbefinden (das Gefühl kenne ich auch aus anderen Situationen, wo etwas gut läuft).
Ich kann nicht sagen, ob diese Blockaden ihre Wurzeln in der Kriegszeit haben, oder ob sie ein schichtspezifisches Problem sind. Das betrifft auch das Thema „Raumausnutzung“. Damit meine ich die Einschränkung der Bewegungsfreiheit in einer Wohnung durch die Möblierung, eine Art „Horror vacui“, der das einzelne Körperindividuum eingrenzt und einengt, weil der verfügbare „Platz optimal ausgenutzt werden muss“. Dieses Phänomen ist mir erst vor ein, zwei Jahren bewusst geworden. Es ist übrigens eng verwandt mit der Neigung zum Hamstern, der ich auch immer wieder bewusst gegensteuern muss.“
Elisabeth R., August 2010

 

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Der lange Weg der Erkenntnis

„Dies ist eine längere Geschichte, unbewusst begann sie bereits vor Jahren, seit Ende 2005 wurde sie jedoch zur Belastung. Ab dieser Zeit hatte ich regelmäßig mit Schwindel zu tun, der mich teils tagelang und phasenweise auch wochenlang lahm legte. Die Ursachenerforschung des Schwindels setzte bei mir eine Odyssee von Arztbesuchen in Gang: Orthopäden, HNO, Neurologen, einschließlich Kernsprinthomografie, eine Gleichgewichtsanalyse sowie eine statische Vermessung der Wirbelsäule und zuletzt noch eine Aufbissschiene.
Im Juni 2008 steigerte sich meine Angst zur ersten Panikattacke. Es folgten weitere Attacken, wobei ich aufgrund von Todesängsten zweimal notfallmäßig im Krankenhaus landete. Danach wurde ich erst von einer Neurologin aufgeklärt, dass ich unter Panik- und Angstattacken leide, worüber ich vorher keine Informationen hatte.
Während einer neunwöchigen intensiven Therapie stellte man fest, dass ich selber keinerlei Erlebnisse hatte, die eine solche Angststörung auslösen könnten. Da hörte ich das erste Mal, dass es sich wohl um eine transgenerationale Weitergabe von Ängsten handeln müsste, da ich selbst Blockaden feststellen konnte, dass ich mich bisher unbewusst weigerte, mich mit den Kriegserlebnissen meiner Eltern auseinander zu setzen. Also erfolgte eine geschichtliche Auseinandersetzung mit meiner Mutter, wo ich erstmals erfuhr, was sie als Kind im 2.Weltkrieg erlebt hatte.
Zu mehr war ich vor 2 Jahren nicht bereit. Es folgte dann ein weiteres halbes Jahr Verhaltenstherapie, um mit meiner Angst im Alltag zurecht zu kommen.
Schließlich hatte ich ein gutes Jahr keine Probleme und habe nahezu alles wieder gemacht, was zwischenzeitlich nicht ging, z.B. Kaufhäuser, Kino, Auto fahren, usw..
Vor ca. 6 Wochen ging dann alles wieder von vorne los, ich konnte das Haus kaum alleine verlassen, hatte eine nahezu unerträgliche innere Unruhe, bekam Herzrasen, weiche Knie und konnte kaum Leute um mich herum ertragen.
Wurde schließlich krank geschrieben, um erst mal zur Ruhe zu kommen. Diese Ruhe sorgte jedoch nicht für Entspannung, sondern die Angst verstärkte sich und wurde in gewisser Weise konkreter, da ich kaum noch äußeren Einflüssen ausgesetzt war. Ich spürte eine permanente Angst es könnte etwas passieren oder es könnte bei mir etwas entdeckt werden, obwohl mir klar war, dass ich nichts verstecke. Dazu kam eine unendliche Traurigkeit, die ich nicht zuordnen konnte. Ich wollte das Haus kaum noch verlassen und nur von meiner Familie umgeben sein.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, da ist noch etwas, was meine Mutter mir nicht erzählt hatte. Also, mit etwas Überwindung, habe ich meine Mutter nochmals auf ihre Kindheit angesprochen, aber bei ihr gab es keine weiteren Geheimnisse. Als ich ihr allerdings erzählte, dass ich Angst habe, es könnte etwas entdeckt werden, kam sie gleich auf die Familie meines Vaters. Komischerweise habe ich immer nur zur Familie meiner Mutter geschaut, womit ich einfach falsch lag.
Mein Vater hatte nie über Gefühle oder Ängste gesprochen, da er seine komplett verdrängt haben musste, so dass ich auch nie über seine Kindheit nachgedacht hatte, obwohl es jetzt sehr offensichtlich ist, dass die Ängste von ihm weitergegeben wurden.
Mein Vater hatte einen behinderten Bruder, der in der ganzen Kriegszeit immer wieder versteckt werden musste, so dass mein Vater über Jahre der Anspannung ausgesetzt war, er könnte entdeckt werden. Leider ist mein Vater vor einem Jahr gestorben, so dass ich nicht mehr nachfragen kann, wie und wo mein Onkel versteckt wurde und was es für ihn bedeutete. Er hatte auch mit meiner Mutter nie darüber gesprochen, es wurde nur so nebenbei erwähnt, dass mein Onkel irgendwie immer mitlief, aber welche Ängste damit verbunden waren, hatte niemand erwähnt.
Auf jeden Fall bin ich froh, dass sich meine Ängste nun etwas besser erklären lassen und es mir auf die Dauer hoffentlich leichter fallen wird, mit den „fremden“ Ängsten zu leben.“

Karla, August 2010 (geb. 1965)

 

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Man hat noch nicht über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachgedacht. Aber wer sie zu beschreiben versuchte, der müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihrer überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? (…) Das Gefühl für die Heimat stand, jedenfalls in den Dichtungen der Menschheit, immer neben der Erinnerung an Flucht und Entwurzelung. Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?“ Gustav Seibt: „Jenseits des Aufrechnens. Die Deutschen, der Luftkrieg und die Vertreibung“, Süddeutsche Zeitung 2007; Zitat in: Andreas Krosssert: „Kalte Heimat“, S. 14

 

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Birgit Weidt im Gespräch mit Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“, Klett-Cotta, 2009

Inwiefern übertrug sich die nicht aufgearbeitete Vergangenheit der Eltern auf die Kinder?

Bode: Das lief nicht bewusst ab und deshalb muss deutlich werden, dass es bei diesem Thema auch nicht um Schuld oder um Beschuldigung geht. Die von mir befragten Kriegsenkel leiden durchweg an einem Mangel an Emotionalität von Seiten der Mutter und/oder des Vaters. Der Satz, den ich immer wieder hörte, lautete: Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.’ Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben es selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Aber man muss sich klar machen: Den meisten Eltern war überhaupt nicht bewusst, dass sie diese Nachwirkungen des Krieges in sich trugen. Das Besondere bei den Kriegskindern ist ja: Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte in der Mehrzahl eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Denn es fehlte ihnen der emotionale Zugang zu diesen Erfahrungen und damit auch der Zugang zu den wichtigsten Prägungen. Dennoch wurden sie davon gesteuert.

Was wäre Ihre Botschaft an die Kriegsenkel?

Bode: Es müsste das Ziel sein, die eigenen Eltern besser zu verstehen und sich gleichzeitig auch endlich von ihnen abgrenzen zu können. Im Prinzip geht es darum, zwischen unguter Fürsorge und angemessener Unterstützung zu unterschieden. Die Kriegsenkel sollten sich nicht länger darum bemühen, ihre Eltern emotional zu erreichen, sondern die Beziehung so zu akzeptieren wie sie ist. Ich glaube nicht, dass solche Eltern sich nach mehr Nähe sehnen. Stattdessen ist es für die Kriegsenkel Zeit, sich selbst wesentliche Fragen zu stellen: Will ich beruflich noch einmal Gas geben? Will ich noch eine Familie gründen? Das setzt voraus, dass man sich gedanklich von den Eltern lösen kann, dass es nicht länger solch einen Unruhefaktor im Leben gibt, unter dem Motto: Ich muss die Mutter wieder anrufen, oder hoffentlich war der Vater beim Arzt, er sorgt so schlecht für sich. Es ist wichtig, sich so etwas bewusst zu machen. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas automatisch tut, weil es eben immer schon so war, oder ob man sich altersgerecht abgrenzt, indem man bei sich wahrnimmt: Es ist eine Belastung, wenn man die Eltern beeltern muss. Es geht auch darum herauszufinden: Kann ich eigentlich selbst gut für mich sorgen? Oder komme ich zu kurz, weil diese Dinge mir die Kraft absaugen, die ich eigentlich brauche, um in meinem eigenen Leben anzukommen und es zu gestalten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kriegsenkel von einem sekundären
Trauma geprägt sind. Worin äußert es sich?

Bode: Ein Teil der Fachwelt spricht von einem, sekundären Trauma’, der andere Teil meidet in diesem Zusammenhang den Begriff Trauma und spricht von Menschen mit Bindungsstörungen, oder abgeschwächt von solchen, die unsicher gebunden sind. Eine Auffälligkeit in dieser Generation sind also gewisse Bindungsprobleme. Viele Kriegsenkel sagen: ‚Ich habe keinen Boden unter den Füßen, und ich kann es nicht aushalten, wenn mir ein anderer Mensch zu nahe kommt.’ Unsicher gebunden zu sein heißt, wenig Halt zu haben und übermäßig misstrauisch zu sein. Das belastet enge Beziehungen, denn die Fähigkeit zu vertrauen ist ja eine zentrale Voraussetzung für eine gute Beziehung. Viele Kriegsenkel leben also die unverarbeiteten Ängste der Eltern in verdünnter Konsistenz weiter. Stellen Sie sich eine Frau vor, die als Dreijährige monatelang mit Mutter und Großmutter auf der Flucht war. Natürlich kann sie sich als Erwachsene kaum daran erinnern. Sie sah sich nicht als Kriegskind, sondern als Nachkriegskind. In den Biografien meines Buchs taucht zu 80 Prozent im persönlichen Hintergrund Flucht und Vertreibung auf. Den Kindern der Flucht wurde nach gesagt: Vergiss alles und schau nach vorn. Also wurde verdrängt, so gut es ging. 14 Millionen Menschen verloren nach dem Krieg ihre Heimat. Sie versuchten sich mit dem Gedanken zu trösten: Wenn es materiell aufwärts geht, wenn die Kinder gute Schulnoten heimbringen, dann ist das Schlimmste überstanden. Doch bei den meisten Menschen, die als Erwachsene vertrieben wurden, blieb lebenslang ein Schmerz. Sie empfanden die neue Umgebung als Exil. Auch das mussten deren Kinder, die Kriegskinder, verkraften.

 

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„Ich bin sicher, dass es für „Kriegsenkel“, die gewissermaßen mit einem unausgesprochenen Aufklärungsauftrag herumlaufen, nicht eben einfach ist, sich auf das eigene Leben zu konzentrieren. Mangelnder elterlicher emotionaler Begleitschutz – verstanden als eine Folge solcher unverarbeiteter Kriegstraumata - wirkt sich ja in vielen Lebensbereichen aus, macht Identifikation mit den eigenen Handlungen schwierig, da man mehr reagiert statt selbstbewusst aus sich heraus agiert, und beeinträchtigt auch Zielfindungen. Ich würde sprechen von generationsweise fortgesetzten Überantwortungen.“
E. G., Februar 2010

 

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„Kinder merken enorm viel. Aber wenn dieses Wissen im Untergrund bleiben muss..., dann bewegt sich dieser Mensch auf den dunklen Schienen eines unerkannten Wiederholungszwangs durch sein Leben“. Jürgen Müller-Hohagen: „Geschichte in uns“, S. 21

 

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Meine Wohnung

„Meine Wohnung ist mir heilig. Sie ist ein Ort der Zuflucht, der Ruhe und Geborgenheit. Wenn ich am Fenster meines Zimmers stehe, schaue ich nach Osten in einen Garten mit Blumen und Efeu an der Wand. Dort tummeln sich Vögel, mit denen ich oft stumme Dialoge führe. Gehe ich durch mein Zimmer und meine kleine Diele in die Küche hinüber, dann schaue ich in einen typischen Berliner Hinterhof nach Westen.
Ich liebe meine Wohnung. Aber das war ein langer Weg dorthin. Denn 1991 bin ich als Zwanzigjährige nach meinem Abitur in Essen mit nur zwei Koffern und völlig unvorbereitet nach Berlin gezogen. Dort habe ich dann in den kommenden 12 Jahren eine wahre Zimmer- und Wohnungs-Odyssee zelebriert: Studentenwohnheime, WG-Zimmer, plötzliche Umzüge in andere WGs, unzählige Umzüge in Wohnungen auf Zeit und zur Untermiete, mit fremden Möbeln, schlechten Gerüchen, unangenehmen und angenehmen Mitbewohnern und dann wieder: Knall auf Fall umziehen, das schnellstmögliche nehmen, aus Angst, ich finde nichts besseres.
Dann kam das Erlebnis mit den Mäusen, die ich in einer Wohnung entdeckt hatte. Nachts bin ich in panischer Angst vor den Tieren zu Freunden gezogen. Ich konnte die Wohnung nur noch vor Angst erstarrt betreten, fluchtartiger Auszug in eine neue Wohnung, nun jedoch das erste Mal als richtige Hauptmieterin mit einer kleinen zusammen gebastelten und improvisierten Einrichtung (Hauptsache: ich komme schnell weg). Dort, in die 27 qm-Wohnung, zog dann jedoch gleich mein damaliger Freund halb mit ein, drei Jahre wohnten wir dort auf engstem Raum zusammen. Er war Mazedonier und ich überlegte schon, ob wir die Familie von ihm in meiner Wohnung aufnehmen sollten, wenn der damalige Jugoslawien-Krieg auch auf Mazedonien übergreifen würde. Dazu kam es dann aber nicht.
Bevor ich in meine jetzige Wohnung zog, brach man in meine alte ein und verwüstete teilweise meine Einrichtung. Fluchtartiger Auszug, Panik vor der Wohnung, in der ich mittlerweile so lange gelebt hatte.
Doch dann fand ich endlich mein Zuhause, meine jetzige Wohnung. Und in den letzten Jahren ging mir auf, was das alles so auf sich hat. Denn meine Familie mütterlicherseits musste aus Polen flüchten. Über Nacht und völlig unvorbereitet. Das einzige, was meine Oma mitnehmen konnte war eine kleine Keksdose. Sie steht nun bei mir auf der Kommode. Meine Mutter war bei der Flucht 9 Jahre alt. Ich bin davon überzeugt, dass sich dieses Fluchterlebniss in mir einprägte, ohne dass ich es wusste. Meine Mutter sagt bis heute, sie habe das alles sehr gut verkraftet, es sei eher wie ein Abenteuer gewesen, aber irgendwie scheint das vielleicht tief in ihr drin sitzende Trauma auf mich übergegangen zu sein. Und ich habe jahrelang diesen Schrecken reinszeniert, ohne mir darüber bewusst zu sein.
Seitdem ich um diesen Zusammenhang weiß, kann ich anders mit dieser Wohnungshetze umgehen. Nicht mit Selbstvorwürfen, so chaotisch und unzumutbar zu sein, sondern mit Verständnis. Ich habe immer noch Ängste, meine jetzige Wohnung verlieren zu müssen. Ich lag zum Beispiel vor einigen Wochen nachts in meinem Bett und konnte nicht schlafen, weil meine Nachbarn über mir Krach machten. Voller Angst habe ich gedacht, dass ich nun, wenn das so weitergeht, wieder eine neue Wohnung suchen muss und alles aufgeben muss. Aber dann wurde mir der Ursprung dieser Gedanken wieder klar und ich konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Ich hoffe, dass sich das Gefühl etabliert, ein absolutes Wohnrecht zu besitzen und dass keiner mir meine Wohnung wegnehmen kann. Wenn ich diese Stärke spüren lerne, dann fühle ich mich auch nicht mehr so ausgeliefert. Ich bin da noch nicht angekommen, aber auf dem Weg dorthin.“
Anja F., Januar 2010

 


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„In der Forschung ist längst bekannt, dass traumatische oder belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden, an die nächste Generation übertragen werden können – man nennt diesen Prozess "transgenerationale Weitergabe".

Wir sind eine Generation, deren Lebensgefühl geprägt ist von emotionalen Erfahrungen, die gut 60 Jahre zurückreichen: die Heimatlosigkeit, das Gefühl, sich nirgends verwurzeln zu können, die eingeimpfte Existenzangst, Bindungsschwierigkeiten, Identitätsverwirrungen und vor allem das Gefühl, bei den Eltern etwas wieder gutmachen zu müssen ...all das sind oft Folgen der elterlichen Kriegs-, Flucht- und Vertreibungserfahrung.

"Meine Eltern und ich, wir kennen uns eigentlich kaum" – das ist ein Satz, den ich im Zuge der Recherche zu diesem Buch immer wieder hörte. Ein Gefühl der Fremdheit scheint die Beziehung vieler 1955-1975 Geborenen zu ihren Eltern, den Kriegskindern, zu charakterisieren.“
Anne-Ev Ustorf: „Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs“

 

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„Eine Zeit der gemeinsamen Trauer hat bei uns in der Familie nie stattgefunden.“
Annette S., Dezember 2009

 

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„Die Art meines Zugangs über psychologische Beratung und Therapie erlaubt mir einerseits tiefe Einblicke in Familien ehemaliger Täter oder NS-identifizierter Mitläufer, andererseits haben diese Einblicke auch ihre Grenzen: Stets bedacht sein wollen die geringe Zahl und die jeweils subjektive und nicht konfliktfreie Sicht der Informanten. Diese sind an dieser Stelle geradezu regelhaft die Ausgeschlossenen, die Randfiguren ihrer Familiensysteme. Als außerordentlich typisch habe ich über die Jahre hinweg eine Aufspaltung, eine Polarisierung in diesen Familien erfahren, wonach etwa bei vier Kindern drei ganz auf Seiten der Eltern stehen, das vierte dagegen völliger Außenseiter ist, dies meist von früher Kindheit an. Gegen sie hat sich Gewalt von beiden Elternteilen gerichtet in Form von Vernachlässigung, Misshandlungen, sexuellem Missbrauch, Missachtung, massiven Abwertungen bis hin dazu, sie als verrückt zu erklären. Dies geschieht regelhaft, wenn und weil sie das eherne Schweigegebot in den Familien zu verletzen drohen. Genau das aber ist ihnen eine existenzielle Notwendigkeit, haben sie doch schon als kleine Kinder etwas von der verschwiegenen und verleugneten Gewaltrealität hinter der biederen Fassade gespürt, sind dringend darauf angewiesen, dass diese Wahrnehmungen und Ahnungen mit ihnen geteilt werden, sehen sich ansonsten tatsächlich der Verrücktheit preisgegeben und sind nicht selten als psychiatrisch krank erklärt und in Nervenkliniken eingeliefert worden.
Über die Jahre hinweg habe ich so viele und so erschütternde, dabei von fundamentaler Ehrlichkeit getragene Hilferufe aus diesem Bereich erhalten, dass ich dazu gekommen bin, hier von einer speziellen deutschen Unterwelt zu sprechen. Dies meine ich im doppelten Sinne: einmal mit Blick auf diese Ausgegrenzten, dann aber noch mehr hinsichtlich solcher Familien. Pikant ist dabei, dass es sich des öfteren um Familien gerade aus den „besten Kreisen“ gehandelt hat bis in die Spitzen von Wirtschaft, Industrie, Wissenschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung.“
Jürgen Müller-Hohagen: „Übermittlung von Täterhaftigkeit an die nachfolgenden Generationen.“ In: Radebold, H, Bohleber, W, Zinnecker, J (Hrsg.), „Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen“

 

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Ich bin gestört worden

„Manchmal ist die deutsche Sprache faszinierend: In ihrer Klarheit und in ihrer deutlichen Bildsprache ließ sie mich schon manche Erkenntnisse haben – manchmal sollte man sie aber auch korrigieren. So zum Beispiel dies: Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin gestört, weil ich so viele Macken und Ticks habe und manchmal nicht weiß, was das alles soll, warum ich die habe. Seit längerer Zeit beschäftige ich mich dem 2. Weltkrieg, schließlich mit meinen Eltern, die als Kinder unzählige Bombennächte miterlebt haben, nächtelang Todesängste durchlebten - und dann nach dem Krieg taten, als ob alles vergessen werden kann, was erlebt wurde. Ich, 1962 in einer süddeutschen Kleinstadt geboren und aufgewachsen, habe dieses Muster komplett übernommen: Über diese Themen geschwiegen, sie als unwichtig, nichtig abgetan, wer sich damit beschäftigt, habe ich immer gedacht, der hat doch ein Problem, der ist depressiv oder ein „Gut-Mensch“ – lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen! So, wie meine Eltern es taten: Nach Außen soll alles Top aussehen, Hauptsache, die Fassade stimmt. Und was dahinter passiert, das ist Privatsache, das sind private Probleme. Meine Fassade bröckelte dann, eben weil ich merkte, wie gestört ich in manchen Dingen bin: Beziehungsunfähig, Eigenbrödler, der keine Nähe zulassen kann, depressive Rückzugstendenzen, Schreckhaftigkeit oder in der Nacht aufwachen und Angst bekommen, aber nicht zu wissen, wovor. Doch auch ich habe das alles immer runtergespielt, das ist doch nichts, ich darf doch nicht klagen, ich habe doch noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt. Und es spuken die Sprüche durch den Kopf wie: „Was mich nicht umbringt, macht mich stark!“ Aber jetzt denke ich: Die Fassade hat bei meinen Eltern zwar perfekt funktioniert (Arbeit, Haus, Garten, gepflegte Kleidung) aber dahinter, in der Psyche, sah es dunkel und leer aus. Und dadurch bin nämlich nicht ich gestört, sondern ich wurde gestört, und zwar in meiner psychischen Entwicklung. Dadurch, dass ich zwar körperlich gut versorgt wurde, aber psychisch vernachlässigt, wurde ich gestört und konnte viele Dinge, so zum Beispiel Vertrauen in mein Handeln, Selbstgefühl oder auch Vertrauen in meine Umgebung und in andere Menschen, nicht entwickeln. Anders nämlich als "Ich bin gestört", was ja immer heisst, ich bin gestört im Inneren, ich bin es aus mir selbst heraus, heisst: "Ich bin gestört worden", dass nicht ich die Ursache der Gestörtheit bin, sondern sie von außen kommt und die ich angenommen habe/nicht anders konnte als sie annehmen. So verortet bekommt dieser Begriff endlich seine richtige Bestimmung.“
Uwe K., September 2009


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